KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

von

KLASSIK

Werk und Wandel: Michael Gielen

mit dem Konzerthausorchester

Wo kommt in unseren klassischen Konzerten Musik aus erster Hand vor? Nachdenken über die Frage stiftet ein Festival „Aus zweiter Hand“, das im Konzerthaus Anregungen zum Thema „Transkriptionen“ gibt. Alles, was in der Klassik vorgetragen wird (mit Ausnahme vielleicht der Uraufführungen), ist Interpretation, ist schon Veränderung. Brendel kann Mozart nicht spielen wie Mozart, und Jonas Kaufmann singt nicht wie Caruso, zu schweigen von Boulez und Karajan mit demselben Stück.

Gerade das macht die Spannung aus: dass Interpretationsgeschichte die Wirkung der Partituren verändert, dass sie Geschichte des sich wandelnden Werkes ist. Was die Auslegung eines fixierten Notentextes mit der Transkription oder Reflexion verbindet, ist Hommage.

So huldigt Steffen Schleiermacher in seiner „Bachmechanik. Dorisch“ der berühmten Toccata von Johann Sebastian Bach, indem er ihre Bewegung mit Schwelltönen und Bach-Partikeln unterminiert. Das Auftragswerk des Konzerthauses eröffnet ein Programm, das sich nicht so leicht vom Blatt spielen lässt.

Es wird zum Erfolg, weil das Konzerthausorchester mit Engagement seinem Ersten Gastdirigenten Michael Gielen folgt (noch einmal Sonntag, 16 Uhr). Lächelnd reagiert er auf den Beifall für Leopold Stokowskis bezwingend monumentale Bearbeitung einer Bach-Fuge.

Mit aparten dunklen Bläserklängen setzt Heinz Holliger Lisztsche Klavierwerke durch seine Transkriptionen in die Nähe Wagners. Und Franz Liszt selbst holt Schuberts „Wandererfantasie“ mit Orchester in den Salon. Darin intoniert Antti Siirala, ein Spezialist für Schubert-Transkriptionen, auf besinnliche Weise das Klaviersolo von der kalten Sonne und dem „Fremdling überall“.

Es ist schon spät, als das Klavierquartett g-Moll von Johannes Brahms in der Orchestrierung von Arnold Schönberg endet: Eine dienende Bearbeitung, die aus der Kammermusik quasi eine Symphonie macht. Sybill Mahlke

POP

Zorn und Style: Ja, Panik

im Festsaal Kreuzberg

Wenn Andreas Spechtl am Ende davon singt, dass Gewalt eine Option ist und dass er weder Angela noch Nicolas eine Träne nachweinen wird, dann ist das nicht als Plädoyer für großzügigere Griechenland- Hilfe zu verstehen. Im Gegenteil: Warum dort das Leiden verlängern, sie soll ja überall weg, die Unglücksmaschine Kapitalismus. 14 Minuten dauert „DMD KIU LIDT“, das alles überragende Schlusslied, das als langsamer Walzer beginnt und im Wutgewitter endet. Sieben Monate nach Veröffentlichung hat sich herumgesprochen, wofür das Kürzel steht: „Die Manifestation des Kapitalismus in unserem Leben ist die Traurigkeit“. Allein das Finale wäre zwingender Grund, ein Konzert der österreichischen Wahlberliner Ja, Panik zu besuchen. Und da sind auch: die fehlenden Zwischenansagen, der Spieltrieb, der Mikrofontausch bei „Nevermind“, wenn auch der Schlagzeuger singen darf und kann, die unerhörte Verdichtung von Zorn und Style, das melodisch nachhallende „The Evening Sun“. Nicht zu vergessen das grazile Gepaffe von Gitarrist Thomas Schleicher auf der Bühne, es sollte Preise dafür geben. Sebastian Leber

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