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ROCK

Spontan: Cowboy Junkies

in der Passionskirche

Man sollte Bands nicht vorschnell abschreiben. Die Cowboy Junkies zum Beispiel: Das Quintett aus Toronto mit den Geschwistern Margo, Michael und Peter Timmins hatte seine Sternstunde bereits 1988, als es mit dem in einer alten Kirche aufgenommenen Album „The Trinity Session“ eine Oase der Ruhe in einer Popwelt aus fiependen Synthesizern, lärmenden Gitarren und hämmernden Beats einrichtete. Der weitere Werdegang der zu Erfolg und Kultstatus gelangten Band zeichnete sich durch erstaunliche Kontinuität aus. Die Cowboy Junkies perfektionierten ihren entschleunigten Folkrock auf einem guten Dutzend Platten – und erstarrten in Perfektionismus.

In der Passionskirche scheinen sie jedoch gewillt, den Mehltau der Jahrzehnte abzuschütteln. Schon der Opener „Sing In My Meadow“ überrascht als schlickiger Delta-Blues mit virtuosem Mundharmonika-Gehupe von Multiinstrumentalist Jeff Bird. Das erste von zwei Sets besteht ausschließlich aus neueren Songs der „Nomad“-Serie: drei in kurzem Abstand aufgenommene und veröffentlichte Alben. Die selbst auferlegte Spontaneität wirkt wie ein Vitaminstoß. Margo Timmins singt beseelter und weniger ätherisch als bei vergangenen Konzerten, Michael streichelt famose Soli aus seiner Gitarrensammlung, Schlagzeuger Peter und Bassist Alan Anton fundieren die Stücke mit schwebenden Grooves, um die Jeff Bird filigrane Notengirlanden an der E-Mandoline drapiert.

Nach der Pause dann die „gewohnten“ Cowboy Junkies, aber in Hochform: Lou Reeds „Sweet Jane“, eins der zentralen Stücke der „Trinity Session“, wird ebenso wie Neil Youngs „Old Man“ in den hermetischen Klangkosmos der Kanadier transformiert. Höhepunkte sind die viertelstündige Dronerock-Meditation über den uralten Gospel „Working On A Building“ mit famosen Gitarren-Harmonika-Verschleifungen und das energische „Me And The Devil“, in das Bird ein so furioses Mandolinensolo hineinfräst, dass das Holz von seinem Instrument abzusplittern droht. Nach fast zweieinhalb Stunden haucht Margo noch eine unter die Haut kriechende Version von Elvis’ Schmachtfetzen „Blue Moon“ ins spärlich erleuchtete Kirchenschiff. Seufz!Jörg Wunder

KLASSIK

Salopp: Das Mahler Chamber Orchestra im Radialsystem

Britten oder Messiaen, Glass oder Berio, Ligeti oder Widmann – wie ein Menü stellt man sich bei der Radialen Nacht mit dem Mahler Chamber Orchestra sein Programm zusammen. Die Segmente finden zeitgleich in verschiedenen Räumen des Radialsystems statt. Wer genug hat vom Stillsitzen, kann die Musik auch in der Lounge auf einer Leinwand verfolgen. Klassik im lockeren Rahmen hören, das ist die Idee. Entsprechend salopp die Begrüßung des Radialsystem-Gründers Jochen Sandig, der die Spielregeln klarmacht: pünktlich und schnell die Plätze einnehmen, den Raum während einer Aufführung nicht verlassen – noch schnell ein Lob auf den Beginn einer langjährigen Freundschaft mit dem Orchester, und los geht’s mit Brittens „Phaedra“: Maria Forsströms klare, geerdete Stimme trifft auf eine unruhig gespannte, wenig evokative Grundstimmung, die der Dirigent Teodor Currentzis im Orchester anlegt. Dieses Aufteilungsprinzip, das einen Klangkörper voraussetzt, dessen Musiker jederzeit solistisch hervortreten können, wird von den Musikern trefflich umgesetzt, wie sich etwa in Ligetis Quartett Nr. 1 zeigt, wobei der dazu choreografierte Tanz von Sascha Waltz and Friends von der differenziert vielschichtigen Interpretation des Werks eher ablenkt. Vielleicht ist das der Unterhaltung doch zu viel, auch wenn hier ein jüngeres Publikum angesprochen wird. Als zu später Stunde dann allerdings DJ Konkubina auflegt, sind die Jungen schon wieder verduftet. Barbara Eckle

OPER

Märchenhaft: „Aschenputtel“

im Schillertheater

Ein riesengroßer begehbarer Kleiderschrank, eine Tür, ein grüner Zaubervorhang – das reicht schon für die Märchenatmosphäre des Aschenputtels von Ermanno Wolf-Ferrari, das die 25-jährige Regisseurin Eva-Maria Weiß mit Liebe und Mutterwitz in die schlauchige Staatsopernwerkstatt drängt. Wären nicht die überfürsorglichen Eltern, die mit lauter Stimme ihre Kinder besänftigen wollen, wäre die Premiere auch für letztere richtig schön gewesen. Denn was Weiß und ihr Regieteam aus dem stark gestrafften Stück machen, ist nicht kindisch und doch kindlich, kennt große Ensembleszenen mit Liebesduett und Schlagsahne und viel heiteren Ernst (jeweils zehn weitere Vorstellungen im November und Dezember).

Aschenputtel haust in einem Verschlag, der Prinz verschließt sich den irdischen Freuden trotzig in einem Baumhaus, der verräterische Schuh wird auch den Mädchen im Publikum anprobiert, während die böse Stiefmutter wirklich sehr schön böse ist. Das Märchen wird erzählt, wie es ist – was will man mehr? Man will, dass sich auch die beteiligten Kapellmusiker der Sache mit echter Anteilnahme nähern: also die ziemlich hübsche Musik Wolf-Ferraris im Irgendwo zwischen Massenet-Kitsch und Puccini-Drama ernst nehmen. Das tun sie leider selten – und das ist ärgerlich, weil Kinderoper nicht heißt, dass man fröhlich schlampen darf. Dafür wird das junge Sängerensemble zu Recht gefeiert. Christian Schmidt

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