KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

von

KUNST

Karambolage:

Danilo Duenas in der daad-Galerie

Ein Eisberg? Ein Gletscher? Oder ein Flugzeugträger nach der Karambolage? In silberweißen Schichten stapelt sich ein gewaltiges Gebirge von Metallschrott in der Galerie des Deutschen Akademischen Austauschdienstes: zerknitterte Kühlschrankwände, verbogene Aggregate, gepresste Autoteile (Zimmerstraße 90/91; bis 26. November; Mo-Sa 11-18 Uhr). Der kolumbianische Bildhauer Danilo Duenas ist Gast des Berliner Künstlerprogramms. In einer Recycling-Anlage im Westhafen hat er Aluminiumschrott gesammelt und die weiß lackierten Teile zu vielen Schichten aufgetürmt. Im Raum hängt noch der Geruch von leerem Kühlschrank. „At Actium and a tribute to John McCracken“ – der Titel zitiert Shakespeares „Antonius und Cleopatra“. In der Seeschlacht bei Actium besiegten die Römer endgültig die Ägypter und raubten ihren Schatz.

Duenas, 1956 im kolumbianischen Calì geboren, eignet sich nun die Wertstoffe der Industriegesellschaft an und drückt seine Verehrung für John McCracken ironisch aus. Der Minimalist schuf makellose geometrische Objekte mit funkelnder Oberfläche. Zitate von Samuel Beckett und Harold Pinter, in zarter Handschrift auf Papier übertragen, perforieren die massive Ausstrahlung der Schrottgebirge. Die Texte handeln vom Hier und Jetzt, die Wrackteile aber erzählen vom Gestern und Anderswo. Vielleicht auch vom Kampf ums Eis, das schon lange nicht mehr ewig ist. Simone Reber

SOUL

Flammenmeer:

Charles Bradley im Lido

Auch mit 63 kann man noch mal durchstarten. So lange musste Charles Bradley warten, bis in diesem Jahr sein Debütalbum „No Time For Dreaming“ veröffentlicht wurde, das in bester Deep-Soul-Manier den Groove der schwarzen Popmusik der Sechziger und frühen Siebziger in die Gegenwart kanalisiert. Davor hat er sich jahrzehntelang mit einer James-Brown-Tribute-Show über Wasser gehalten. Beim Auftritt im rappelvollen Lido wird der Spätzünder von der Menahan Street Band aus Brooklyn begleitet: Sechs halb so alte Musiker, die mit Gitarre, Bass, Schlagzeug, Orgel und Gebläse einen wunderbar altmodischen Funksound schaffen, der wie eine Antithese des aktuellen Plastik-R&B wirkt, während Bradley mit spitzen Schreien und flotten Tanzeinlagen beeindruckt. Sein gutturales Organ flattert wie eine zerfetzte Fahne im Wind, wenn er in Stücken wie „The World (Is Going Up In Flames)“ Kritik an sozialen Missständen übt. Auch bei der Version von Neil Youngs „Heart Of Gold“ geht er mit jeder Note so zärtlich um, als könnte sie unter einem falschen Zungenschlag zerbrechen. So beseelt hat seit den Tagen eines O. V. Wright kaum jemand geschmachtet. Bradley schafft es tatsächlich, dass sich die schnöde Welt im Kopf der Zuhörer verändert, weil man während der 90-minütigen Show stets einen Sänger spürt, der an das glaubt, was er singt. Nämlich: Dass es eine andere und bessere Welt gibt. Und man kann sie berühren, wenn man nur seinen Geist sauber hält. Volker Lüke

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben