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KLASSIK

Inselmusik:

Bejun Mehta im Schiller Theater

Technik, Timbre, Textverständlichkeit, alles wichtig – aber irgendwann ist jeder Gesang eine Frage des Herzens. Bejun Mehta hat ein weites Herz. Und ein reiches Leben: Bevor er als Countertenor die Barockbühnen der Welt stürmte, war der 43-jährige Amerikaner mit den lustigen Ohren Cellist, Schallplattenproduzent, Bariton – und schloss nebenbei in Yale mit einer Arbeit über Heinrich Heine ab. Mehta (ein Großcousin des Dirigenten Zubin Mehta) hat also etwas zu sagen, wenn er im Schiller Theater das Programm seiner neuen CD „Down by the Sally Gardens“ (harmonia mundi) vorstellt. Englische Lieder von Purcell bis Gerald Finzi, die in herrlich mürben, insularen Farben das Klischee widerlegen, England sei das „Land ohne Musik“. Dabei hat Mehta keine vox angelica, er gehört weniger zum ätherischen Stimmtypus (wie sein Vorbild David Daniels), als dass er von der Bühne kommt: mit kräftiger Attacke, leicht grobkörnig im Timbre und nicht ganz perfekt in der Verblendung der höheren Register, mit Durchschlagskraft und poetischer Fantasie. Die adelt jede Melancholie und kommt ihm vor allem in impressionistischen Stücken wie Herbert Howells „The Little Boy Lost“ zugute. Eine Perle ist auch der Pianist Julius Drake: sanft auf der Hut, grandios phrasierend, Stimmungszauberer, Beschützer, Inspirator in einer Person. Christine Lemke-Matwey

THEATER

Auf großer Fahrt: „Eine langweilige Geschichte“ im Theaterforum

„Der sentimentalen und leichtgläubigen Masse kann man weismachen, das Theater sei in seiner gegenwärtigen Form eine Schule“, spottet der hellsichtige Mann. „Doch wer die Schule im wahrsten Sinne des Wortes kennt, den fängt man nicht mit diesem Köder.“ Es ist Nicolaj Stepanovic, der da spricht, der Protagonist aus Anton Tschechows Roman „Eine langweilige Geschichte“. Ein Mann von 62 Jahren mit kahlem Kopf, falschen Zähnen und einem Gesichtszucken, so beschreibt sich dieser Professor selbst. Was ihn abgesehen davon kennzeichnet, ist der unsentimentale Ton eines Lebensbilanzierers, der keine Philosophie und keine falsche Kunst gelten lässt. Der erfahrene Berliner Schauspieler Bernd Ludwig – schon in Andrej Worons Teatr Kreatur dabei – hat aus der „Langweiligen Geschichte“ eine prägnante Bühnenfassung destilliert, die im Theaterforum Kreuzberg zu sehen ist (11. bis 13.11., 20 Uhr).

In der Regie von Ulrich Simotowitz spielt Ludwig den Stepanovic als scharfen Geist, dem die Ehe, die Wissenschaft, ja das Dasein schal geworden sind und der bloß noch in der Auseinandersetzung mit seiner schauspielernden Pflegetochter Katja (Nadine Meier) aufblüht. Trotz seiner Stellung hat dieser Mann kein höheres Ideal gefunden – die bitterkomische Bedeutung der Leere beherrschte der kaum 30-jährige Tschechow hier schon meisterlich. Tisch, Bett und Samowar, mehr braucht die konzentrierte Inszenierung nicht, die Ludwig und Meier mit direktem Spiel beleben und zur packenden Erzählung machen. Patrick Wildermann

POP

In rauen Gewässern:

Heather Nova im Astra

Ihre Kindheit hat Heather Nova mit ihrer Familie auf einem Segelboot verbracht. Die meiste Zeit wurde in der Karibik gesegelt. Schöne Erinnerungen für die schöne Heather: „300 Days At Sea“ heißt das Album der 44-Jährigen, das sie im solar betriebenen Heimstudio aufgenommen hat auf einer Bermuda-Insel, wo sie mit ihrem Mann lebt. Wenn auch auf der Platte alles etwas sanft dahinschippert, gelangt es im Astra in rauere Klanggewässer. Was von der zierlichen Heather zur Akustikgitarre angehaucht wird, bekommt einen Kick ins Knallige. Den Rücken gestärkt vom Bass sowie den Tasten, Gitarren und der Stimme der Kanadierin Sara Johnston. Der Drummer: bulliger Beat, präzise und kräftig. Und die dänische Gitarristin Berit Fridahl biegt ihre Stratocaster in die Soundstürme, zerrt Kraftakkorde aus den Saiten, rumort und hendrixt. All das im Dienst von Heather Nova, die immer wieder vom Alt in sirenenhaften Sopran hochspringt. Und dann wieder zurückgenommen zur Pianobegleitung ihre Gefühle besingt, als sie das versunkene Segelschiff ihrer Kindheit noch einmal beim Tauchen betrachtet. H.P. Daniels

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