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ROCK

Jünger des Vollmonds:

Elbow in Huxleys Neuer Welt

Sie sind die letzte Rettung in einem Strudel der Vergänglichkeit. Elbow erheben Anspruch auf die Krone für hymnische Rockmusik, nachdem sich viele Konkurrenten aus dem Feld verabschiedet haben: Travis in anekdotisches Muckertum, Radiohead in verkopfte Experimente, Muse in einen wahnhaften Progrock-Kosmos, Snow Patrol und Keane in die Bedeutungslosigkeit. Selbst die Marktführer Coldplay tun sich neuerdings mit ihrer Kernkompetenz schwer. Nur Elbow hauen eine weltumarmende Rockhymne nach der anderen raus und haben damit endlich den Erfolg, den man dem vor 20 Jahren gegründeten Quintett aus dem Großraum Manchester schon lange zugetraut hatte. Im ausverkauften Huxleys Neue Welt schleudern sie dem Publikum zur Begrüßung „The Birds“ entgegen: acht Minuten unablässiger Steigerung, ein von einem Streichquartett unterstütztes Drehen an der Bombastschraube, das in einem Refrain von überirdischer Schönheit mündet. Mehr Hymne geht fast nicht. Doch schon „Mirrorball“ erreicht mühelos das gleiche Level und wird von Guy Garvey zur bewegenden Ode an den Vollmond verklärt.

Garvey erweist sich an diesem Abend als Mitklatschanimateur und kauziger Anekdotenonkel in „Bekennerlaune“, wie er zugibt. Vor allem aber ist er ein brillanter Sänger, der ein rauchiges Timbre mit enormem Lungenvolumen und daraus resultierender Ausdauer für lange Melodiebögen vereint. Seine Texte verleihen den Songs Glaubwürdigkeit und Tiefe. Hier weiß einer, worüber er singt. Und das sind nicht selten unerfreuliche Dinge wie Scheidungen, Alkoholismus, der Tod eines engen Freundes und natürlich der Schmerz des gebrochenen Herzens, den auch ein durch alle Wirrnisse des Lebens gewanderter Nordbrite fühlt. Doch das Herz ist ein zäher kleiner Muskel, wie schon Woody Allen wusste. So wird Kummer bei Elbow zu wunderschönen Melodien transzendiert, zu rauschhaften Arrangements: „Weather To Fly“ etwa, zu dem sich erst alle sechs zum Unplugged-Intro um ein Mikro versammeln und dann umso heftiger einen elektrischen Orkan entfachen. Oder das von gewaltigen Fanfarenstößen durchwütete „Starlings“. Und schließlich „One Day Like This“ – eine Hymne für die Ewigkeit, krönender Abschluss nach knapp zwei erhebenden Stunden. Jörg Wunder

KLASSIK

Roll over Beethoven: Hans Zender und das Ensemble Modern

Ein Monument der Klavierliteratur ist es, das sich Hans Zender für seine „33 Veränderungen über 33 Veränderungen“ vorgenommen hat. Uraufgeführt vom Ensemble Modern unter Peter Hirsch bereichert die „komponierte Interpretation“ von Beethovens Diabelli-Variationen das Transkriptionen-Festival „Aus zweiter Hand“ im Konzerthaus, denn sie fragt nach den Grenzen von Interpretation und Komposition. Originell Zenders Versuch, Klangsprachen späterer Epochen auf das Werk zu projizieren. So gleich zu Beginn: Nach wischenden Geräuschen auf dem Schlagzeug hebt ein Streichquintett schrammelnd mit dem Walzerthema an. Ein Akkordeon stimmt ein, Holzbläser treten in pointillistischer Instrumentation hinzu, bis es mit Eintritt des Blechs zu einer ersten Klangfarbenexplosion kommt, die in mächtige Wagnerfanfaren mündet.

Am besten ist Zender dort, wo er spielerisch bleibt. Da gibt es eine halbironische Fuge, die sich nach Bach auf schimmeligen Originalinstrumenten anhört, und gegen Ende des Werks das überraschende Erklingen eines realen Klaviers hinter verschlossener Tür. Hübsch auch der Einfall, das originale Leporello-Zitat aus Mozarts „Don Giovanni“ mit einem akustischen Auftritt des Komturs zu verbinden. Die zwingende Logik allerdings, der Beethovens Variationen folgen, kann Zender nicht beschwören; auch gelingt es ihm nicht, die Faszination des Komponierens auf das Kammerensemble zu übertragen. Besonders dort, wo der Komponist den Boden der Tonalität abrupt verlässt, reißt immer wieder der Faden – und im Ohr bleibt nur noch Beethovens Tinnitus. Carsten Niemann

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