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KLASSIK

Energisch: die Pianistin

Yuja Wang in der Philharmonie

Schon wieder eines dieser asiatischen Wunderkinder? Irrtum. Yuja Wang spielt in einer anderen Liga, weit entfernt von den Instrumentalakrobaten. Einzig die glasklare musikalische Vorstellung bestimmt ihre Interpretation von Rachmaninows 3. Klavierkonzert, begleitet vom Royal Philharmonic Orchestra unter Charles Dutoit. Kein überflüssiger Körpereinsatz, kein Funken Selbstdarstellung – die 23-jährige Pianistin kanalisiert in der Philharmonie alle Energie in ihr Spiel. Im ersten Satz stürmt sie nicht auf die Höhepunkte zu, sondern erfüllt sie durch Mikroverzögerungen und unerwartete Diminuendi mit noch mehr Spannung. Im zweiten Satz gibt sie etwas Kontrolle an den Klang ab, der sich ganz entfalten darf, ohne ins Schwelgerische abzudriften – schade nur, dass das Orchester ein wenig hinterherstolpert. Diese Reaktionsschwäche in den Bläsern bei ansonsten noblem Orchesterklang fällt bereits in Berlioz’ wildromantischer Konzertouvertüre „Le Corsaire“ auf, die den Abend fulminant eröffnet. Dutoits eher leichte Hand in Tschaikowskys Fünfter nach der Pause nimmt dem Stück etwas von seinem Ernst, was den dramaturgischen Zusammenhalt schwächt. Doch war der Spannungsbogen des Abends schon mit Yuja Wangs Zugaben vollendet: Die abgeklärte Wehmut in einer Gluck-Bearbeitung lässt ihre Jugend vollkommen vergessen. Daran erinnern nur die diskret bunt gefärbten Strähnchen, die aus ihren dunklen Haaren blitzen. Barbara Eckle

MUSIKTHEATER

Knackig: „Bei Drücken Senden“

in der Neuköllner Oper

Wer Geld braucht, kommt auf verrückte Ideen. So wie die Niki und Cem, Protagonisten des Stücks „Bei Drücken Senden“: Um Geld zu verdienen, wollen die beiden Jungs Rentnern die Handybedienung beibringen, für satte 20 Euro die Stunde. Gerlinde (Gabriele Schwabe) ist die perfekte Versuchsperson: reich, verstört und für jeden Spaß zu haben. Doch der Telefonreigen, den von Michael Emanuel Bauer schmissig komponierte und von Hossein Yacery Manesh auf der Gitarre umgesetzte Popsongs da voranpeitschen, geht schnell in die Hose: Texten, Surfen, Fotosmachen – das übersteigt das Speichervermögen der ohnehin schon reichlich durchgeknallten Gerlinde. Als Niki auch noch Geld aus der Schublade stiehlt, ist die ménage à trois vollends zerrüttet. Nun stellt sich die Frage, wer den Jungs Nachhilfestunden in guter Erziehung erteilt.

Der Handy-C(r)ash-Kurs der 1985 geborenen Dramatikerin Olivia Wenzel ist mehr süffisante Nummernrevue denn ernste Minioper. Es wird getanzt, gesungen und in die Hände geklatscht. Die Dialoge sind nicht immer kalauerfrei, aber espritreich und rasend schnell. Manuel Mairhofer mimt den eitlen Niki mit robuster Popstimme und verschmitzter Wortakrobatik; Philipp Leinenbach performt den verantwortungsbewussten Cem mit punktgenauer Artikulation und körperbetontem Einsatz, bis ihm der Schweiß auf der Stirn steht. Kein umwerfender Theaterabend, doch kurzweilig und knackig ist er schon. Tomasz Kurianowicz

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