KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

von

KLASSIK

Zum Schmelzen: Maurizio Pollini

in der Philharmonie

„Wenn ich nicht disponiert bin, so spiele ich am liebsten auf einem Erard’schen Clavier, wo ich den Ton schon fertig finde“, gab der scheue Chopin zu Protokoll. Maurizio Pollini, nach 40 Jahren auf den Podien der Welt nicht weniger scheu, will den verehrten Komponisten in bester, also suchender Verfassung präsentieren. Dazu zügelt er die Klangmacht seines Steinway aus den Händen des italienischen Pianotuners Fabbrini, steigt aufs Pedal, um dem Klang in der Philharmonie alle dominierende Schärfe zu nehmen. Das reicht so weit, bis alles schwimmt, der Marsch seinen Rhythmus verliert, der Gesang seine Linie. An Pollinis Chopin kann man sich nicht festhalten, nicht am Klang, nicht an der Architektur, die blitzartig aufscheint, und schon gar nicht an der Stimmungslage. Sie ist ohnehin fatal. Pollini gönnt seinem ergebenen Publikum nicht einmal sentimentale Rückblenden, das musikalische Gedächtnis tut seinen Dienst nicht mehr.

Es mag die Konfrontation mit Liszt sein, mit dem sinistren Spätwerk des Jubilars im zweiten Teil des Abends, die Pollinis Chopin-Auflösung befeuert. Es gelingt ihm, ihre depressive Aura zu umspielen, die schwindenden Formen dieser „Leichenverbrennungs-Stücke“ (Liszt) nicht zu Psychogrammen zu verdichten. Doch der Preis dafür ist hoch: In einem derart verhemmten Tonfall hat man die h-Moll-Sonate selten gehört. Von ihrer dunklen Radikalität, ihrem Vordringen in die Leere, bleibt nur eine domestizierte Ahnung zurück. Ulrich Amling

ROCK

Zum Henker: Alice Cooper

in der Columbiahalle

Kreisch! Der Mann mit der Guillotine ist wieder da! Kaum vorstellbar, aber es gab einmal eine Zeit, da hat Vincent Damon Furnier, wie Alice Cooper im wirklichen Leben heißt, den Leuten richtig Angst gemacht. In der Columbiahalle gibt es freilich nichts, was einen noch erschrecken könnte. Auf ewig dazu verdammt, mit seiner vergammelten Horror-Show durch die Mehrzweckhallen dieser Welt zu tingeln, tritt der kultisch verehrte Gruselrocker, der in seiner Freizeit regelmäßig Golf spielt, stramm republikanisch wählt und jeden Sonntag mit seinen Kindern in die Kirche geht, trotzdem nochmal drauf, das es daddelt. Seine fünfköpfige Band liefert einen gut durchtrainierten Sound, der fast ausschließlich aus schmierigen Hardrockriffs besteht, die bereits vor dreißig Jahren abgenudelt waren.

Die Zeitreise ist das Ereignis des Abends. Der 63-Jährige mit den schwarzummalten Augen brüllt „I’m Eighteen“ und wackelt dazu mit dem Krückstock, bevor er sich eine Pythonschlange um den Hals wickelt und als „Dr. Frankenstein“ eine Monsterpuppe zum Leben erweckt. Obligatorische Höhepunkt jeder Alice-Cooper-Köpper-Show:Das ewige Supertalent lässt sich von zwei Henkern zur Guillotine schleifen, um sich nach seiner Wiederauferstehung mit „School’s Out“ zu verabschieden. Da steht er, der selbst ernannte Entertainer des Grauens, der den Begriff „Schock-Rock“ prägte wie kein anderer.Volker Lüke

ROCK

Zum Brüllen: Kasabian

im Huxley’s

Die Röhren der Verstärker sind vorgeglüht, Ventilatoren angeworfen im Huxley’s. Schon beim Aufmarsch der Band besteht kein Zweifel: Kasabian aus Leicester treten an in der Gewichtsklasse „Stadionrock“. Höllenlautstärke donnert durchs Auditorium, lässt alles vibrieren vom Grundgrummeln der Bassgitarre, die Chris Edwards durch zwei riesige Marshall-Schränke bummert, während der bullige Ian Matthews seiner Bass-Drum einen noch bulligeren Kick verpasst. „Days Forgotten“. Die Wände wackeln. „Shoot The Runner“, shoutet Tom Meighan. Der Frontmann hat sich wieder eine neue Frisur zugelegt. Mit schwarzer zurückgeölter Rockabilly-Tolle und großer Sonnenbrille wirkt er wie Bono in jungen Jahren. Sergio Pizzorno agiert wie ein Gitarrenheld der Siebziger. Jason Mehler gibt den jungen Mod mit knalligen Kniffs und Riffs. Trompeter und Keyboarder haben etwas von jungen Brit-Poppern.

Die Vielfalt der Optik entspricht der stilistischen Vielfalt der Band. Aus den unterschiedlichen Epochen und Spielarten rühren sie eine Klangpaste. Nach dem Hardrockriff von Deep Purples „Black Night“ rappelt Hip-Hoppiges, dazwischen Disco-Beats, Synthiepop. Elektronisches mit Pink-Floyd-Georgel, Beatles-Anklänge mit Mellotron-Sound, Kinks-Gitarren und Stones-Psychedelia. Es ist alles oder nichts. Eine Band, die man entweder liebt oder ablehnt. Ihre Fans lieben sie bedingungslos. Ekstase. Mag die Gruppe ihren Namen zwar geborgt haben von Linda Kasabian, aus Charles Mansons berüchtigter Mörderbande, und spielen sie auch mit Mörderlautstärke, eine Mörderband sind Kasabian deswegen noch nicht. H.P. Daniels

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