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Magdalena Ulrich

PERFORMANCE

Verknotete Körper: „Penthesilea zu Haus“ im Neuen Museum

Ein Heimspiel: Unter dem Amazonenfries in der großen Treppenhalle des Neuen Museums zeigt Regisseurin Katrin Hentschel die Performance „Penthesilea zu Haus“. Von der Zerrissenheit und der brutalen Raserei, die Heinrich von Kleist der Amazonenkönigin Penthesilea in seinem Drama eingeschrieben hat, ist bei Hentschel nicht viel übrig. „Penthi“, wie sie hier genannt wird, ist eine reizende Schaumstoffpuppe mit blonden Locken, hellblauen Knopfaugen und einer vierfingrigen Comic-Hand. Schauspielerin Anna Stieblich und Puppenspielerin Dorothee Metz stellen im Duo mal die Figur Heinrich von Kleist, mal Penthesilea, mal deren Freundin Prothoe dar.

Ein grauer Schaumstoffstreifen wird erst zu Penthesileas Mutter, die röchelnd auf dem Totenbett die Liebe zu Achill prophezeit, dann, einmal verknotet, auch noch zu Achill selbst. Ein heiteres Wechselspiel, das Kleists Drama anreißt, doch nicht durchdringt. Dabei wäre die Treppenhalle die perfekte Kulisse für Penthesileas monumentale Zerstörungskraft, für die Wucht ihrer verbotenen Liebe zu Achill, den sie schließlich im Wahn zerbeißt und zerreißt. Zuletzt zeigt ein stummer Paartanz (Murielle Elizéon und Angelika Thiele) das zärtliche Begehren zwischen Penthesilea und Achill. „Küsse, Bisse, wer recht von Herzen liebt, kann schon das eine für das andre greifen“, sagt Kleists Penthesilea, als sie erkennt, dass sie den Geliebten getötet hat. Bei Hentschel gibt's nur Küsse. Zu Hause ist Penthesilea brav (wieder am 12., 17. und 19. November). Magdalena Ulrich

KUNST

Veränderte Körper: Michael Joaquin Grey im Kulturforum

In wenigen Tagen geht die äußerst erfolgreiche Ausstellung „Gesichter der Renaissance“ zu Ende, die Leihgaben kehren an ihre angestammten Plätze zurück. Tröstlich ist, dass etliche Exponate aus Berlin stammen und darum hier bleiben. Wie etwa die hübsche Simonetta Vespucci von Sandro Boticelli, die normalerweise in der Gemäldegalerie im Kulturforum hängt. Ihre Lücke füllt zur Zeit die Arbeit des Künstlers Michael Joaquin Grey – ein computergesteuerter, zeitgenössischer Kommentar zur Ausstellung, aber auch zum Schönheitswahn von heute (bis 18. August 2012, Katalog 24,80 Euro).

Kürzlich gab es einen Aufschrei, weil Julia Roberts zwar eine attraktive Frau ist, aber dann doch nicht so schön, wie die Werbung einer Kosmetikfirma dank Photoshop vorgaukeln wollte. Täuschung! Die Plakate mussten abgehängt werden. Die Florentinerin Vespucci war, so heißt es, die schönste Dame der Stadt. Botticelli malte sie im strengen Profil mit sich lebendig wellenden Haaren und Alabasterhaut. Wahrscheinlich überhöhte er ihre Eleganz. Grey nun spiegelt die Gesichter, zwei gleiche Frauen blicken sich an. Sie verändern sich. Plötzlich wird der einen das Näschen zum Zinken, der anderen zur Knolle, die Augen zu Kullern und Schlitzen. Grey hat sich zehn Punkte im Gesicht herausgesucht, darunter Kinn, Nase, Stirn, und lässt sich diese nach einem rechnergesteuerten Zufallsprinzip Pixel für Pixel verändern. Die Wirkung ist grandios, denn die Verwandlung geschieht fast unmerklich. Wann ist eine Linie noch schön? Wann kippt das Bild? Grey führt das Genre Porträt ad absurdum, weil er der Dargestellten keine charakteristischen Gesichtszüge zugesteht. Alles bleibt im Wandel. Anna Pataczek

FOTOGRAFIE

„Von Medina an die jordanische Grenze“ auf der Museumsinsel

Auf den ersten Blick sieht man nichts. Auf den zweiten Sand, Steine und am Horizont einen Hügel. Beim dritten Blick erkennt man im Vordergrund zwei parallele Linien. Schienen. Ein weiteres Foto zeigt Schienen, zum Teil verweht, die sich am Horizont im Nichts verlieren. Auf anderen Bildern ist ein Rahmen zu erkennen, das surreal wirkende Relikt eines Waggons, den die Beduinen ausgeschlachtet haben. Bei einem weiteren Foto wird es deutlicher: eine auf der Seite verdreht liegende Lokomotive und ein paar Waggons, vom Rost gezeichnet. Fremdkörper in einer scheinbar unberührten Natur. Zu sehen in der Kabinettausstellung „Von Medina an die jordanische Grenze“ im Museum für Islamische Kunst Berlin (bis 6. Mai 2012).

Ursula Schulz-Dornburg hat diese Fotos 2003 kurz nach Sonnenaufgang im Hedschas geschossen, jenem Gebiet, durch das einst die von Deutschen in den Jahren 1900 - 1908 gebaute Bahn von Damaskus bis nach Mekka führen sollte, um Pilger zu den heiligen Stätten des Islam zu bringen. Und natürlich hatte Sultan Abülhamid II. mit dem Auftrag an die Deutschen noch etwas anderes im Sinn: leichter Truppen in die unruhigen arabischen Provinzen des Osmanischen Reiches zu verlegen. Die auf der Seite liegende Lok erzählt auch davon: Wahrscheinlich wurde sie von Lawrence von Arabien und seinen aufständischen Arabern in die Luft gesprengt. Und da liegt sie nun. Bleiben die Bahnstationen, die mit ihren quadratischen Türmen und flachen Anbauten Bauklötzen gleich in der Landschaft stehen, wie für die Ewigkeit gebaut.

Ursula Schulz-Dornburgs Bilder erzählen von der Leere, sie weisen auf Pilger- und Karawanenrouten, Reifenspuren deuten an, dass die Trassen heute noch genutzt werden. „Roads to Arabia“ - so heißt auch die Ausstellung, die ab Januar im Pergamonmuseum die großartigen Kulturschätze aus Saudi-Arabien von der Frühzeit bis ins 19. Jahrhundert zeigen wird und deren Vorspiel „Von Medina bis an die jordanische Grenze“ ist. Und noch etwas haben die Fotos mit dem Museum zu tun. Die frühislamische Mschatta-Fassade, ein Geschenk des Sultans, wurde über die Schienen der Hedschas-Bahn abtransportiert. Rolf Brockschmidt

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