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von

ROCK

Wilder Watz: My Morning Jacket

im Festsaal Kreuzberg

Acht Jahre sind My Morning Jacket nicht in Berlin gewesen. In dieser Zeit hat die Band aus Louisville, Kentucky, vier großartige Platten veröffentlicht und mehrere Anläufe für Berlinauftritte unternommen. Immer kam etwas dazwischen, meist irgendwelche Erkrankungen der Musiker. Nun hat es endlich geklappt, und im sardinenbüchsenvollen Festsaal Kreuzberg gehen die fünf mit einer Leidenschaft ans Werk, als müssten sie die vielen Jahre kompensieren. My Morning Jacket ist eine Band mit verschiedenen Aggregatzuständen. Im Herzen sind sie vermutlich waschechte Southern Rocker. Wie Sänger und Gitarrist Jim James, mal wilder Watz, mal schäfchensanfter Balladenonkel, seine Lockenmähne schüttelt, während er zu malmenden Hardrock-Riffs mit Carl Broemel in entrücktes Kojotengeheul verfällt, lässt Erinnerungen an Bands wie Lynyrd Skynyrd oder Molly Hatchet wach werden. Doch all das wird permanent aufgebrochen, zersplittert, mit Fremdpartikeln gemischt und neu zusammengekittet.

Kein Southern Rocker hätte sich jemals in die Nähe einer Discoplatte begeben, aber My Morning Jacket flirten immer wieder mit dem repetitiven Groove des Viervierteltakts. Das gipfelt in einem durchgeknallten Stück wie „Holdin’ On To Black Metal“, das klingt, als wären die Bee Gees in eine Satanistenmesse geraten. Kaum zu glauben, aber das ist ein Hit! Am Ende von zwei intensiven Stunden legen sie mit „One Big Holiday“ noch einen drauf: die ganz große Hardrock- Hymne, mit einem letzten sagenhaften Doppelsolo von James und Broemel, ehe sich alle zum Finale Furioso um den in einem Wirbel aus Armen, Beinen und Haaren verschwindenden Drummer Patrick Hallahan sammeln. Das Warten hat sich gelohnt. Jörg Wunder

KLASSIK

Messerscharf: Nico and the Navigators im Radialsystem

Poetisch, denkt man, wenn es um die Petite Messe Solennelle von Rossini geht, die „Nico and the Navigators“ im Radialsystem zeigen. Ein geistliches Werk, das Nicola Hümpel und Oliver Proske in einen Abend mit Musik, Tanz und kaum Handlung verwandelt haben, der beim Weimarer Kunstfest Premiere feierte. Zwei Flügel, die auf lautlos rollenden Podesten einfahren, ersetzen gemeinsam mit dem Harmonium das Orchester. Die 20 Mitwirkenden sind in Preußischblau, Rostrot oder Herbstdunkel gekleidet (Kostüme: Frauke Ritter); sie laufen, stehen, hampeln und berühren sich. Unter dem Dirigat von Nicholas Jenkins, der ebenso Takt gibt wie er sich schwärmerisch mitbewegt, singen die meisten von ihnen aber auch, und dies sehr schön (besonders der Bassist Nikolay Borchev und die Mezzosopranistin Ulrike Mayer).

Yui Kawaguchi dagegen tanzt, ein rotkapuziger Puck mit messerscharf in die Horizontale ausfahrenden Armen und Beinen. Und Adrian Gillott in schwarzer Büßersoutane unterhält sich mit Peter Fasching, natürlich über Gott und die Welt. Wenn dieser Gillott dann beim Agnus Dei in weißer Wäsche und vor hell ausgenebeltem Hintergrund wieder erscheint, dann mischen sich in dieser Inszenierung Jugend, großer Ernst und Leichtigkeit auf eine fast rührende Weise.

Ironisch kann jeder. Diesem Ensemble aber gelingt es, Heiterkeit aus Rossinis Petite Messe Solennelle klingen zu lassen, ohne deren Geistlichkeit zu verleugnen, das Bild eines Komponisten zu zeichnen, der in das neue Werk „all mein kleines musikalisches Wissen gelegt und mit wahrer Liebe zur Religion gearbeitet“ hatte, tatsächlich ein Stück Musik zu verlebendigen, dem bislang wohl höchstens das unauffällige Ende in ganz gewöhnlichen Chorkonzerten bevorstand. Christiane Tewinkel

MUSICAL

Bed-in mit Elvis: Stereo Total machen Theater im HAU

Einsam und verlassen hockt John Lennon vor seinem weißen Flügel und setzt immer wieder an, „Imagine“ zu singen. Das Problem ist, dass er sich nicht auf einer Friedensdemonstration befindet, sondern „in der Hölle des Rock ’n’ Roll“, wie sie sich die Berliner Band Stereo Total ausgedacht hat. Und in diese Hölle dürfen bloß Radauschachteln wie Amy Winehouse oder Sid Vicious, die sich zu Tode gesoffen oder den goldenen Schuss gesetzt haben. Und die wollen ganz offensichtlich nichts mit einem zu tun haben, der da von der großen Aussöhnung singt. Ein wenig unfair gegenüber John Lennon ist das schon, schließlich machte der auch ein paar Erfahrungen mit Drogen und seine Todesumstände sind durchaus spektakulär und somit rock-’n’-rollig.

Aber so viel Raum bei der Interpretation ihrer berühmten Rocktoten haben sich Stereo Totals Françoise Cactus und Brezel Göring, der selbst als Joey Ramone auftritt, bei ihrer an zwei Abenden im HAU mithilfe von allerlei Prominenz der Berliner Subkultur aufgeführten Musikrevue nicht genommen. John Lennon ist bei ihnen eben ein schrecklicher Langeweiler und Berufshippie, der in der Hölle des Rock ’n’ Roll eigentlich nichts zu suchen hat. John Lennon sieht das irgendwann auch selber ein, sagt den schönen Satz „Ich bin populärer als Jesus, aber hier spielt’s wohl keine Rolle“ und verzieht sich zum Bed-in mit Elvis.

So wie mit Lennon wird in diesem „Trashical“ mit allen Figuren verfahren. All diese von der Popgeschichtsschreibung zu Mythen verklärten Musiker werden zu lächerlichen Witzfiguren, über deren überzogenen Drogenkonsum und Narzissmus man sich auch mal lustig machen darf. Ein großer Spaß sind die Generationenkonflikte in der Hölle, wenn sich etwa Marlene Dietrich – auch Rock ’n’ Roll! – mit Sid Vicious anlegt oder dem depressiven Kurt Cobain klarmacht, dass sie dessen Schlurfigkeit einfach bloß nervig findet. Nur einen vermisst man: Jim Morrisson. Ist der am Ende im Himmel des Rock ’n’ Roll gelandet? Andreas Hartmann

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