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PERFORMANCE

Tierisch: Matthew Herbert singt im Berghain eine Ode an das Schwein

Im Berghain ist bekanntlich manche Ausgefallenheit zu sehen, selten aber Stroh. Es steht in Ballen bereit für eine ausgefallene Performance: Matthew Herbert, DJ und Klangkünstler, führt sein Album „One Pig“ auf. Als Hauptinstrument darauf diente ein Mastschwein, das Herbert adoptiert hatte und auf dem Bauernhof mit dem Mikro begleitete: vom Aufschlagen des Neugeborenen auf dem Boden über das reife Grunzen bis zum Geschirrgeklapper des abschließenden Festessens. Nur beim Schlachten selbst verbot das britische Recht die Anwesenheit des Künstlers. Die Tierschutzorganisation Peta war sofort zur Stelle. Als würde über den Umgang der Menschen mit Tieren in einem Tonstudio entschieden! Oder in einem Konzertsaal. Und als eröffne Herberts Projekt nicht einen Reflektionsraum dafür, wie sehr der Mensch der Industriegesellschaft die Folgen seines Handelns ausblendet.

Die Umsetzung im Berghain ist zugleich Theater und Konzert: Fünf Männer in weißen Kitteln an Samplern und E-Drums, in der Mitte ein quadratisches Tiergehege. Musiker Yann Seznec hat es eigens entworfen, wie ein Boxer hängt er sich in die Drähte, die als Seilzüge Grunz-, Quiek- und Rauschsamples anspielen. Wunderbare Umkehrung von Kontrolle und Verstrickung! Zerriebenes Stroh und das Sägen eines Knochens dienen als Klangerzeuger und Atempausen zwischen stanzenden Schlachthofrhythmen, die mit ritueller Spannung die austarierte Dramaturgie stützen. Diese nähert sich dem Höhepunkt, als Berghain-Hauskoch Thomas Kaiser hinter die Herdplatten tritt und der Duft gebratenen Ibérico-Schweins den Raum erfüllt. Nach einem Finale zu fünft im Gehege singt Herbert eine Ode an das Schwein, bevor der gedeckte Tisch vor die Bühne getragen wird, zur gemeinschaftlichen Fütterung.Kolja Reichert

KLASSIK

Trügerisch: Martin Stadtfeld spielt

Bachs Goldbergvariationen

Ein Bach fürs Zeitalter der Globalisierung, 30 Goldbergvariationen, die nicht deren Unterschiede betonen, sondern die Gemeinsamkeiten: rastlos nervöses Surfen in anderen Welten, die einander zum Verwechseln ähnlich werden. Bach auf Speed, Turbo-Tempo in den schnellen Variationen, Sentimentalität pur mit übermäßigem Gebrauch des Pedals bei den langsamen Variationen, vor allem der Nummer 25 in Moll, dem emotionalen Dreh- und Angelpunkt des Stücks: Wohlmeinend ließe sich über Martin Stadtfelds Goldberg-Interpretation im Kammermusiksaal sagen, dass er Bach fürs 21. Jahrhundert aufgerüstet hat, ihn verdichtet, vernetzt, verknotet, auf hohe Klickraten trimmt.

Allein, auch bei der Wiederaufführung jenes Werks, mit dem der ImmernochJungstar der Pianistenszene 2003 für Aufregung sorgte, erschließt sich nicht, warum Bach die Geschmacksverstärker überhaupt braucht. Die gleiche Eindringlichkeit, die gleichen Verspieltheiten mit verstärkten Linien, vertauschten oder nach oben oktavierten Stimmen wie auf Stadtfelds Debüt-CD vor acht Jahren. Aber die Freiheiten, die Stadtfeld sich nimmt, sind nicht das Problem, sondern seine Unachtsamkeit, die im Konzert jene der CD deutlich übertrifft. Der Hochdruck, unter den er die Variationen setzt, schert alles über einen Kamm, von der süffigen Aria bis zum Quodlibet. Stadtfeld verwechselt Lautstärke mit Intensität, walzt breit aus, stürzt sich kopfüber ins Getümmel und verheddert sich sogleich. Er phrasiert mal so, mal so, zeichnet weich, verrät Bachs Kantabilität an die Romanze und die Kontrapunktik ans Ornament. Trotzdem Jubel – und als Zugabe „Isoldes Liebestod“ in der Fassung von Liszt. Christiane Peitz

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