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KLASSIK

Zart: eine Mansurian-Uraufführung

beim RIAS-Kammerchor

Es beginnt leise, mit einstimmigem Gesang: direktester Ausdruck des Menschseins. Das neue Werk des armenischen Komponisten Tigran Mansurian ist den Opfern des Völkermordes (1915- 17) gewidmet. Der RIAS-Kammerchor hat dieses Requiem in Auftrag gegeben. Der Stolz, das Weltwissen, das Leiden einer uralten, ganz anders christlichen Kultur schwingen mit in Mansurians schlichten Klängen. Wunderbar farbig und innig singt der Chor die einstimmigen Linien, das Münchner Kammerorchester bricht gelegentlich dramatisch aus, bevor es wieder in still schimmernde Klangflächen zurücksinkt, Christina Kaiser und Andrew Redmond treten aus dem Kollektiv hervor und verwandeln den Kammermusiksaal mit blühendem, vollem Sopran und eindringlichem Bariton in einen Kirchenraum, bevor das Ganze einstimmig aushaucht. Hier hätte es enden können. Doch die Programmmacher setzen Mozarts Requiem dagegen. Das funktioniert nicht. Das ist nicht die Schuld der Beteiligten. Aber die vergrößerte Besetzung, die Klangwucht, die Masse und einschüchternde Kunstfertigkeit, das Kunstwollen – sie zerquetschen die Erinnerung an Mansurians zartes Werk. Hat dieses sich dem Saal von innen her angeschmiegt, versucht jenes, ihn zu sprengen. So deplatziert hat man Mozart noch nie gehört. Im Vertrauten das Fremde zu entdecken – nicht das schlechteste Ergebnis eines Konzertabends. Udo Badelt

THEATER

Rasant: Patrick Barlows „Messias“ in der Vaganten-Bühne

Nur zwei Schauspieler sind geblieben von der Truppe, die mal Großes vorhatte. Also beschließen diese beiden, noch Größeres, ja absolut Einzigartiges auf die Bretter zu wuchten: die Geschichte von Josef, Maria und dem Christkind. So erzählt es Patrick Barlow in seinem Stück „Messias“, das jetzt Martin Jürgens für die Vaganten-Bühne inszeniert hat. Herbeigezaubert werden der liebe Gott und sein treuer Erzengel Gabriel, zum Einsatz kommen große Denker und kühne Weltverbesserer, dazu brave Kamele, feurige Rösser, schwarze und weiße Schafe. Reinhard Scheunemann und Michael Schwager spielen das alles hingebungsvoll, atemlos, hellwach, bis hin zum krachenden Blödsinn. Die Zuschauer ziehen sie dabei in eine wilde und zugleich von nachdenklichem Staunen erfüllte Fantasiewelt hinein. Jürgens hat für die Spielwütigen eine faszinierende gestische Sprache erfunden, Arme und Hände formen Mensch und Tier, die gar nicht auf der Bühne sind, holen kompliziert in sich verschachtelte Ereignisse hervor. Scheunemann und Schwager beherrschen den blitzschnellen Wechsel von Rollen, Stimmungen, Befindlichkeiten, sie stürmen in die Höhen darstellerischen Glücks und versinken in der Tragik des Versagens. Und Katharina Koch schmettert als Opernsängerin die Arien aus Händels „Messias“ ins Geschehen, nachdem sie endlich zu den beiden Unermüdlichen gestoßen ist, eine U-Bahn-Verspätung selbstredend (wieder vom 19. - 21. 11. sowie vom 1.- 4. und 14. - 18. 12). Christoph Funke

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