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KLASSIK

Göttlich: Akademie für Alte Musik mit René Jacobs im Konzerthaus

Die Wucht der Adagio-Einleitung zeigt an, dass es um einen Ballo serio geht, kein schlichtes Tanzvergnügen. Denn der Mythos lebt in dem Bühnenwerk, das nach einem Libretto von Salvatore Viganò die Erschaffung des ersten Menschenpaares behandelt und seine Erziehung unter Einfluss der Götter. Apoll tritt auf, Prometheus mit seinen Kindern, Bacchus, Pan, Thalia und unter den Himmlischen nicht zuletzt Terpsichore. Am Ende des Wiener Theaterzettels (1801) steht: „Die Musik ist von Herrn van Beethoven.“

„Die Geschöpfe des Prometheus“ heißt das Ballett, dessen Musik eine gute Stunde in doppeltem Wortsinn dauert. Während man sich sonst bei öffentlichen Aufführungen auf die Ouvertüre beschränkt, erklingt nun im Konzerthaus die ganze Partitur. René Jacobs als Beethoven-Dirigent. Er hat sie in sein Herz geschlossen wie vor ihm Ansermet oder Klemperer und ein eigenes Szenario formuliert. Und tatsächlich reiht seine Interpretation mit der Akademie für Alte Musik eine Kette edler Perlen aneinander, bis das Menschenpaar handlungsgemäß sein Liebesduett singt (Oboe und Bassetthorn) und im Allegretto die Violinen das Thema intonieren, das im Eroica-Finale triumphieren wird. Sturm, göttlicher Zorn, viel Adagio, Maestoso, Grazie, Festlichkeit: Aus den Gesichtern der Instrumentalisten strahlt eine Freude am Musizieren, wie man sie selten so zu sehen bekommt. Der erhabene Ton der Musik trifft sich mit Vitalität. Wie das Wesen dieses feinen Klanges sich zusammensetzt, verrät Bernhard Forck mit Beethovens Violin-Romanze. Sybill Mahlke

ROCK

Elfenhaft: Evanescence

in der Columbiahalle

„You rock!“, antwortet Amy Lee den zahlreichen „Amy“-Rufen, die ihr aus der rappelvollen Columbiahalle entgegenschallen. Im schwarzen Tutu-Kleid, mit Stulpenboots, hüftlangen Haaren und ihrem glasklaren Sopran wirkt die Sängerin der Alternative-Rockband Evanescence aus Arkansas noch so elfenhaft wie vor acht Jahren, als der Gruppe mit dem dynamisch- brachialen Hit „Bring Me Back To Life“ der Durchbruch gelang.

Fünf Jahre hat die Fangemeinde auf das neue, dritte Album gewartet. Obwohl die Sängerin das letzte verbliebene Gründungsmitglied des Quintetts ist, trägt es den Namen der Band. Das erscheint keineswegs unpassend, denn Evanescence präsentieren sich in Berlin als gelungene Synthese aus Altbewährtem und Innovation. Bereits der vitale Opener „Do What You Want“ zeigt das: Experimenteller ist der Klang, kantiger, komplexer sind die Rhythmen und Melodien, die hörbar aus dem dramaturgischen Korsett der ersten beiden Alben ausscheren. Geblieben sind das opulente Arrangement der Songs, das episch- schwermütige Soundkostüm und die Themen Liebe, Schmerz und Wehmut. Neben den schweißtreibenden Stücken „The Change“ oder „Erase This“ zählen auch die ausgreifenden Balladen „Lost in Paradise“ und „My Heart Is Broken“ zu den Glanzlichtern der Show. In bekannter Manier greifen hier Amy Lees unverwechselbare Stimme, schillernd-schöne Pianopassagen und explosive metallische Gitarrenriffs ineinander. Zum emotionalen Höhepunkt gerät die Zugabe des Klassikers „My Immortal“: Mobiltelefone, Feuerzeuge und kollektives Mitsingen zum Abschied. Martin Ernst

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