KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

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KLASSIK

Parfüm und Pizzicato: Artemis

Quartett im Kammermusiksaal

„Wenn die Musiker schon keine Zugabe geben“, so mag sich das Publikum im Kammermusiksaal gedacht haben, „dann geben wir eben eine!“ Plötzlich flammt der Applaus wieder auf und bringt das Artemis Quartett zum einzigen Male an diesem Abend aus dem Konzept. Es ist der Lohn für eine außergewöhnliche Leistung, die mit Haydn beginnt. Der Variationssatz, mit dem Op. 76 Nr. 5 anhebt, verlangt von den Musikern das Kunststück, das Publikum sofort in eine entspannte Serenadenstimmung zu versetzen und gleichzeitig gespannte Aufmerksamkeit für das Balancieren zwischen Kantabiliät und dem Spiel mit geistreichen sprechenden Details zu erzeugen.

Etwas davon lassen die Künstler auch in Béla Bartóks erstes Streichquartett einfließen: Sie reduzieren das Stück nicht auf ein Seelendrama, vermeiden Barbarismen ebenso wie kalte Sachlichkeit, um stattdessen die satztechnischen Experimente des rhapsodischen Werks in den Blick zu rücken. Als Synthese aus der formalen Spannung zwischen Haydn und Bartók präsentiert, kann Ravels Streichquartett trotz seiner Kürze zum Hauptwerk des Abends werden – wobei die Musiker das Stück so grandios mit gitarristischer Pizzicato-Kultur, mit dem Gestenreichtum eines geschminkten Pantomimen und mit Kantilenen zwischen Parfüm, grotesker Weinerlichkeit und echtem Gefühl aufladen, dass ein Applaus allein dafür eben nicht genügt. Carsten Niemann

ROCK

Oldies und Gassenhauer:

Peter Frampton im Tempodrom

Tribute-Shows nennt man Konzerte, in denen Revival-Bands ganze Alben Song für Song nachspielen. Abba, Queen, Pink Floyd, Genesis ... Und jetzt Peter Frampton. Nur, dass der Star der Siebziger sich seine Tribute-Show selbst besorgt. Im Tempodrom gibt er ein Oldie-Wiederbelebungskonzert: „Frampton Comes Alive!“ Aufgeführt wird das Doppelalbum von 1976, sein größter Erfolg, lange das meistverkaufte Live-Album. Sie werden es in voller Länge spielen, sagt der 61-Jährige grinsend. Das gefällt den Fans.

Vom Band kommt das Intro-Grummeln der Platte, das Publikumstosen. Dann die Band mit voller Kraft: „Something’s Happening“. Klassischer Shuffle-Rock mit Stones-Riffereien. „Doobie Wah“ mit funkenden Zwillingsgitarren. Framptons kräftige Stimme erinnert in ihrem Soul-Pop-Timbre an Steve Winwood. Natürlich die alten Gassenhauer mit den eingängigen Melodien. „Show Me the Way“ mit Frampton-typischem „Talk Box“-Effekt: Gitarrengeblubber mit Schlauch im Mund. „Baby I Love Your Way“ ist immer noch netter Mainstreampop. Begleitet von „Ach ja, das war unsere Jugend“-Seufzern aus dem 50-plus-Publikum, während alte Fotos über die Leinwand flirren: Frampton mit langen Locken, offenem Dekolleté und engen Hosen. Heute, mit weißem Resthaar, wirkt er hölzern, die Musik altbacken. Doch mit der Zugabe kommt die Überraschung: eine ganze Stunde neuere Songs der letzten Alben „Thank You Mr. Churchill“ und „Fingerprints“. Frampton spielt plötzlich locker und inspiriert, interessant und einfallsreich. H. P. Daniels

CHORMUSIK

Glorie und Gewalt: Sing-Akademie

im Gorki-Theater

Der Chor füllt die Bühne, da geht die Wand hinter ihm hoch, und – noch mal so viele Sänger. Die geballte Kraft vieler Kehlen ergießt sich in den Raum. „Die Gewalt der Musik“ das Abschlusskonzert des Kleistfestivals im Maxim Gorki Theater, will zweierlei: zeigen, dass Kleists als „unkomponierbar“ (Richard Strauss) geltende Texte doch ihre Vertonungen fanden – durch Wilhelm Taubert und Adolph Bernhard Marx. Und die Gewalt in seinen Texten zum Klang werden lassen, die bestürzende Modernität, das Bodenlose, Taumelnde.

Der Schweizer Bo Wiget hat Passagen aus Kleists Erzählung „Die heilige Cäcilie oder die Gewalt der Musik“ in Töne gesetzt und mit Fragmenten aus dem „Alexanderfest“ kurzgeschlossen, das Händel 1697 für die heilige Cäcilie mit dem Untertitel „The Power of Musick“ komponierte: ein berührendes, wogendes Stimmengewirr; die Sing-Akademie unter Kai-Uwe Jirka zeigt sich in guter Verfassung. Kuriose Trouvaille der Musikgeschichte: ein kriegerischer Bardengesang aus der „Hermannsschlacht“, vom 22-jährigen Wilhelm Kempff für Chor und drei altgermanische Luren geschrieben. Am überzeugendsten: Michael Wertmüllers Penthesilea-Vertonung „Lustjagd“: ein sich steigernder Chor, beunruhigende Herzschläge der Pauke, fiebriges Streicherquintett, hysterischer Sopran (Andrea Chudak). Klänge, die wehtun, spitz, schrill, verwundend. Ein Abend, der blutet. Udo Badelt

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