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KUNST

Versiegelt:

Saâdane Afif im Schinkel-Pavillon

Dass Dinge und Subjekte nicht so wichtig sind wie das, was zwischen ihnen passiert und dass es kein Wesen gibt, sondern nur ungreifbaren Wandel, ist ein Vorschlag des Werks von Saâdane Afif. Im Schinkel Pavillon führt der Marcel-Duchamp-Preisträger eine seiner Übertragungsarbeiten vor: Afif bat Künstlerkollegen wie Tacita Dean, Arbeiten von ihm in Texte zu übersetzen und ließ diese vom Komponisten Ari Benjamin Meyers vertonen. Zur Eröffnungsperformance führt Opernsängerin Katharina Schrade die Stücke auf. Schrade schreitet beim Singen durch den Raum und setzt den letzten Ton in eine Porzellanvase, die der Künstler umgehend versiegelt. Auf dem Deckel sind der Name des Stücks, Datum und Aufführungsort verzeichnet, und es steht eine kleine, modellierte Katharina Schrade darauf, gefertigt von der Porzellanmanufaktur Nymphenburg.

So gingen alle Künstler in „The Fairytale Recordings“ ein, die mit ihren achteckigen Sockeln im achteckigen Schinkel Pavillon eine Anspielung auf mystische Rituale aus einer Zeit bildet, in der François Rabelais fantasierte, das gesprochene Wort ließe sich einfrieren (Oberwallstr. 1, Do-So 12-18 Uhr, bis 11.12.). Diese „Tonträger“ sind sehenswert, während die Performance sich im Nachhinein auf Youtube anschauen lässt (www.youtube.com/watch?v=hg6kDiq3HfU) – so wie es auch der Autor dieser Zeilen machen musste, was wiederum ganz im Sinne des Werks sein dürfte. Kolja Reichert

FOLK

Verfallen:

The Low Anthem im HAU 1

Am Ende eine unerhörte Geste: Bandleader Ben Knox Miller leert sein Portemonnaie auf die Bühne aus. Die Zuschauer in der ersten Reihe des HAU 1 starren auf die Banknoten: Sollen sie zugreifen? Knox Miller antwortet, indem er die Scheine mit dem Fuß ins Publikum stößt.

The Low Anthem aus Rhode Island gehören zu den sogenannten Americana- Bands, die die Erzähltradition des US- Folk neu aufgegriffen haben. Man kleidet sich in Hanf und Leinen, trägt Westen, Hüte, Bärte und macht alte Instrumente wieder urbar. Bei The Low Anthem sind das Kontrabass, Klarinette, singende Säge, Orgeln und eine Zither, die von der zerbrechlichen Joice Adams bedient wird, der einzigen Frau im Quartett. Gespielt werden Heimatlieder, die von Aufbrüchen handeln oder von persönlichen Umbrüchen, wie das kirchenhymnische „God Damn House“, zu dem die Zuschauer ihre Handys bimmeln lassen sollen. Mal kommen die Songs mit mächtig Wumms daher, weil Jeff Prystowsky an den Drums selbst mit den Besen Dampf macht. Mal ganz zart, mit Gitarre, gestrichenem Banjo und drei gehauchten Stimmen.

So entsteht eine fast schon familiäre Atmosphäre im seltsamerweise nicht ausverkauften HAU. Die Tickets kosteten lächerliche sieben Euro, weil die Bundeszentrale für Politische Bildung das Konzert im Rahmen ihrer Reihe „Amerika im 21. Jahrhundert“ präsentiert. Knox Miller und Prystowsky werden daher auch von einer Moderatorin zur politischen Lage in den USA befragt. Doch beide meinen, dass jede Auseinandersetzung mit dem kranken, korrupten politischen System der USA an sich schon verkehrt wäre. Sie schwärmen lieber von dem verfallenen Vaudeville-Theater, in dem sie ihre nächste Platte aufnehmen wollen. Den besten politischen Kommentar liefert Knox Miller dann ohnehin mit seinem Geldwegwurf. Philipp Lichterbeck

KUNST

Verzehrt: Hans Hillmann und Jirí Šalamoun in der Kunstbibliothek

„Meinen schwarzen Humor habe ich aus der britischen Kriegsgefangenschaft“, sagt Hans Hillmann. Die Kunstbibliothek zeigt den Grafiker gemeinsam mit dem in Prag geborenen Jirí Šalamoun in der Ausstellung „ich hab geträumt ich wär ein hund der träumt“ (Matthäikirchplatz, bis 5.2., Di-So 10-18 Uhr). Eine von Hillmanns Illustrationen zeigt ein Gesicht aus Kaviar. Eine Hand nimmt ein paar Kügelchen vom Teller – die Illustration erschien 1962 zu einem Artikel über Kannibalismus. Auch Šalamoun erzählt humorvoll vom Tod, bebildert Grabreden eines Dorfpfarrers bittersüß.

Während Hillmanns schwarz-weißen Aquarelle und Zeichnungen sorgsam komponiert sind, ist Šalamouns Handschrift expressiv, farbkräftig. Manche seiner Zeichnungen wirken wie Wimmelbilder. Doch die so unterschiedlichen Grafiker begegnen sich in ihrer Komik, in ihrer Art Bild und Schrift zu verschmelzen und in ihrer Verbundenheit zum Film. Hillmann illustriert in seiner Bildgeschichte „Fliegenpapier“ den Krimi des amerikanischen Schriftstellers Dashiell Hammetts in Aquarellen, die wie düstere Standbilder erscheinen. Šalamoun hat selbst Animationsfilme verwirklicht, von denen einige im Foyer vor dem Ausstellungsraum gezeigt werden.Magdalena Ulrich

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