KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

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Kristiina Poska, Dirigentin. Foto: Moser
Kristiina Poska, Dirigentin. Foto: Moser

KLASSIK

Traumszenarien: Michael Gielen

bei der Staatskapelle Berlin

Stets hat sich Michael Gielen streitbar für das Neue eingesetzt, und auch im 84. Lebensjahr des großen Dirigenten hat ist das nicht anders geworden. Mit der Staatskapelle Berlin führt er vor, wie selbst das scheinbar Abgeschlossene, in die Schubladen ästhetisch-stilistischer Einordnung Abgelegte neue Beleuchtungen erfahren kann.

Beherzt montiert Gielen, auch als Komponist ambitioniert, vier Stücke aus Franz Schuberts 1823 entstandener Ballettmusik „Rosamunde“ mit Anton Weberns Orchesterstücken op. 6 von 1909 zu etwas Unerhörtem. Frappierend, wie sich die einander so fremden Musiken plötzlich gegenseitig einen doppelten Boden einziehen: Weberns grelle Trompetenstöße und schauerlich rasselnde Trommelwirbel machen Schuberts harmlose Ländlerrhythmen zum Tanz auf dem Vulkan, während zwölftönig gespannte Klarinettenmotive als Fortsetzung lieblicher „Hirtenmelodien“ erscheinen. Unheimlich wirkt die Harmonie, ins Offene ausbrechend die Dissonanz. Und nie klang das bekannte „Entr’acte“ zum 3. Rosamunde- Aufzug tröstlicher und trauriger zugleich als nach Weberns letztem Alptraumszenario, Vorgefühl der Zerstörung dieser Schönheit.

Versteht sich, dass all das in der von Michael Gielen gewohnten Präzision und Intensität erklingt, und die Staatskapelle jedes Handgelenkwedeln, jedes Fingerschnipsen des Maestros engagiert befolgt. Äußerste Nuancierung belebt auch das Konzert für Violine und Violoncello von Johannes Brahms – dieses Werk vereint ebenfalls Divergentes im Wettstreit der Soloinstrumente, ist versöhnliche Antwort auf einen Streit Brahms’ mit seinem Freund Joseph Joachim. Während Gielen messerscharf die Themen in den weiten Raum der Philharmonie stellt, ihnen emotionsgeladene Spannung abgewinnt, ist beim Geschwisterpaar Tanja und Christian Tetzlaff Harmonie angesagt. Bei nahtlos ineinandergreifenden Arpeggien und delikaten klanglichen Annäherungen in der Mittellage setzt der Geiger die leidenschaftlicheren Impulse, denen die Cellistin bei aller Wärme des Tons mit mehr Bassfundament trotzen könnte. Isabel Herzfeld

KLASSIK

Mit links: Absolventen der Eisler-Hochschule Im Konzerthaus

Während der unbeschreibliche Budenzauber auf dem Gendarmenmarkt bereits mit der greifbaren Nähe des Weihnachtsfestes droht, gibt es im Konzerthaus bereits einiges zu feiern, ist man hoch gestimmt. Denn mehrere Absolventinnen und Absolventen von nebenan, aus der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“, veranstalteten dort ihr Abschlusskonzert, engagiert unterstützt vom Konzerthausorchester.

Zum Auftakt gibt es „Der gerettete Alberich“, eine schön respektlose und sehr unterhaltsame Wagner-Überschreibung von Christopher Rouse. Die Perkussionistin Shengnan Hu spielt das in idealer Balance von Temperament und innerer Ruhe, Expressivität und Anmut. Ebenso fein wie die dynamischen Abstufungen ihres Spiels gelingt die Zusammenarbeit mit dem Dirigenten Seokwon Hong, dem das Orchester aufmerksam folgt. Das Violinkonzert von Glazunov gerät unter der Leitung von Tobias Mehling dagegen doch etwas matt – vielleicht, weil die Bemühung um Koordination bei sehr flexiblen Tempi im Mittelpunkt stehen. Harim Chun ist aber fraglos eine sehr gute Geigerin; der hochvirtuose Solopart bereitete ihr keine großen Probleme.

Mit besonderer Spannung wurde der Auftritt der jungen estnischen Dirigentin Kristiina Poska erwartet: Weil sie bereits einen Vertrag als Kapellmeisterin an der Komischen Oper ab Herbst 2012 in der Tasche hat hat. Richard Strauss’ rhythmisch vertrackte Tondichtung „Till Eulenspiegel" nimmt sie im doppelten Sinne „mit links“: Anders als fast alle ihre Kollegen hält Poska den Taktstock nämlich nicht in der rechten Hand. Etwas mehr Schmäh, ein noch größerer Mut zum Zögern in Schwellenmomenten hätten sicher nicht geschadet, aber insgesamt wirkt Poska eindrucksvoll souverän. Die Einsätze gibt sie präzise aber ohne Zackigkeit, ihrer entspannten Gestik entspricht ein freies und abgerundetes Klangbild. Benedikt von Bernstorff

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