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ENTERTAINMENT

Belebend im Winter: Gayle Tufts’ Revue „Let It Show“ im Tipi

It’s all about the Endorphine: Wenn es November wird in Berlin, fehlt es an Licht, die Luft ist kalt, und das mit dem Fest der Liebe ist auch bloß ein Auslöser für Dauerstress. Glückshormone also müssen her – und die können sich alle saisonal Depressiven jetzt bei Gayle Tufts im Tipi am Kanzleramt abholen. Eine Winter-, keine Weihnachtsrevue präsentiert die Denglish-Diva in diesem Jahr: „Let it show“ ist leicht wie eine Schneeflocke, ein vitalisierender Mix aus Songs über die vierte Jahreszeit und Kamin-Plaudereien, mit dem man sich nur zu gerne berieseln lässt (täglich außer Mo bis 25.12., dann wieder 31.12. - 15.1.). Hier gelingt einer dieser großartigen Entertainment-Abende, die so professionell durchgeplant sind, dass sie wie spontan entstanden wirken: Als wär’s eine Party bei Freunden, wo eben Gayle Tufts den Smalltalk anführt. Dass sie zwischen den Anekdoten und Alltagsbeobachtungen immer wieder singt und tanzt, dass ihr dabei ein skurriles Herren-Duo zur Seite springt, ein hünenhafter New Yorker mit Soul-Röhre und ein zartgliedriger Thailänder mit Manga-Mimik, steigert noch die Illusion des Improvisierten.

Dazu machen die vier Jungs von der Band prallen, rockigen Disco-Sound, Heißkaltes von Madonna, Prince und Justin Timberlake fetzt – leicht verfremdet – vorüber, und selbst Cindy Laupers „True Colors“ weiß Gayle Tufts klangfarblich perfekt einzufügen in diesen herzerwärmenden Zweistunden-Trip durchs winter wonderland. Frederik Hanssen

KLASSIK

Staunen im Blech: Das RSB

spielt Mahlers dritte Sinfonie

Gustav Mahlers dritte Sinfonie braucht ein enormes Konzentrationsvermögen. Die 100 Minuten Musik am Stück verlangen einem riesigen Musikerheer eine schier grenzenlose Wachsamkeit ab, um den Flickenteppich voller Selbstzitate, Einschübe und Themenanrisse zu einer stringenten Klangfläche zu verweben. Diese Herausforderung an Virtuosität und Musikalität bewältigt beileibe nicht jede Kapelle. Marek Janowskis Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB) bewies im Konzerthaus, dass es auch dieser Aufgabe gewachsen ist. Der Chef forderte alles – und er bekam alles.

Abgesehen vom transparenten, runden Klang beeindruckte die unglaubliche Präzision, mit der das RSB die zahllosen filmschnittartigen Schlaglichter meisterhaft einwarf und dabei doch Janowskis große Spannungsbögen nicht aus dem Auge verlor. Das Blech ließ das Publikum nachgerade atemlos staunen: Die vielen Unisono-Stellen erfordern nicht nur einen gemeinsamen Atem, sondern auch eine identische Musizierhaltung, ein übereinstimmendes Gefühl für Agogik und Klangfärberei.

Ob Hörneroktett, Trompetengruppe oder der begnadete Soloposaunist: Ohne jeglichen Patzer entstand heiteren Ernstes ein Sog, dem man sich nicht entziehen konnte.

Mag Janowski bei aller Kitschvermeidung auch ein wenig pedantisch sein und klangverwalterisch manch schwelgerischen Ansatz verschenken – der beherzte Zugriff auf sein Orchester zeigt Wirkung. Er ist der ideale Partner für Maria Radner, die ein erschütternd schönes Altsolo spendete. Christian Schmidt

KLASSIK

Trauer in Samt: Antonin Dvoráks

„Stabat Mater“ in der Philharmonie

In jeder Trauer steckt Trost. Eine schöne Novemberbotschaft, die Kent Nagano, das Deutsche Symphonie Orchester und der Rundfunkchor Berlin mit Dvoráks zehnsätzigem „Stabat Mater“ verkünden. Nagano nimmt Druck weg und Lautstärke, will einen intimen, psychologisierenden Ton. Fast wünschte man sich mehr A-Capella-Passagen in diesen 90 Minuten in der Philharmonie: Schon die Tenöre zu Beginn intonieren eine betörend sanfte Betäubtheit des Verlustschmerzes – interessant, dass Dvorák nach dem (allzu disparat vorgetragenen) Unisono-Auftakt des Orchesters ausgerechnet die Tenöre vorschickt. Hohe, tastende Stimmen, bodenlos vor Schmerz, als Solidaritätsadresse an eine Mutter, die ihren toten Sohn betrauert. Mit der Geschmeidigkeit, dem wie in Samt eingeschlagenen Tuttiklang des Rundfunkchors in der 6/8-taktigen Nr. 5, „Tui nati vulnerati“, oder der lieblichen Nr. 7, „Virgo virginum praeclara“, kommt Dvoráks schlichte Frömmigkeit dann ganz zu sich. Wobei der fast naive Katholizismus heutigen Gemütern mitunter doch unterkomplex erscheint. Obendrein hat das Schlichte seine Tücken. Sobald Takt- und Tempowechsel anstehen, sobald Dvorák kleine rhythmische Widerhaken einbaut, lässt Naganos Dirigat zu wünschen übrig und das vor allem dank der Celli herzerwärmend timbrierte DSO gerät ins Schwanken. Disparat auch die Solisten: Die für die erkrankte Krassimira Stoyanova eingesprungene Simona Saturová und der junge Tenor Pavol Breslik entwickeln bei allem Teamgeist individuelle Ausdrucksintensität. Renata Pokupic und vor allem Roberto Scandiuzzi bescheiden sich hingegen mit uninspirierten Partien. Christiane Peitz

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