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Benedikt von Bernstorff

KLASSIK

Flatterfinger: Das Oslo Philharmonic Orchestra in der Philharmonie

Schöner kann man Sibelius’ Violinkonzert wohl kaum interpretieren, als es Joshua Bell und das Oslo Philharmonic Orchestra unter Vasily Petrenko tun. Die Musiker machen im Rahmen ihrer Europatournee in der Philharmonie Station. Der amerikanische Geiger setzt lieber einen Akzent zu viel als zu wenig, aber sein silbriger Ton und die makellose Intonation machen Eindruck. Einen noch stärkeren hinterlässt der Auftritt des virtuosen russischen Dirigenten. Rolf Wallins ganz im Rhythmischen aufgehende Orchesterstudie „Act“ dürfte man aus einer Stummfilmaufnahme von Petrenkos Dirigat rekonstruieren können. Und manchmal hat man den Eindruck, als wollten die Finger seiner linken Hand losflattern, um die Einsätze bei den Musikern persönlich abzuholen. Eine Könnerschaft dieses Niveaus ist von Eitelkeit selten ganz unbedroht. Aber mit Tschaikowskys vierter Sinfonie liefert Petrenko kein Hochglanzprodukt ab. Der Klang erscheint wie von innen angewärmt, dann wieder, etwa im zweiten Thema des ersten Satzes, so rau wie Schmirgelpapier.

Man wundert sich nicht, dass die Musiker des so ausgezeichneten wie sympathischen norwegischen Orchesters Petrenko zu ihrem neuen Chefdirigenten gewählt haben. Auch das Publikum will ihn nicht gehen lassen und würde sicher nach den beiden Zugaben endlos weiterklatschen, wenn nicht Petrenkos Abschiedsgeste wieder so perfekt gesessen hätte. Benedikt von Bernstorff

FOTOGRAFIE

Hundeleben: Michael Ruetz’ „Family of dog“ im Kunsthaus Potsdam

Stoisch thront der Dackel auf dem Schreibtisch, mit Papierschlangen dekoriert. Silvester geht an dem Hund vollständig vorbei. Wichtig scheint ihm allein sein exklusiver Platz im Leben des Fotografen. „Family of dog“ nennt Michael Ruetz seine Sammlung von Hundefotos aus den letzten 50 Jahren im Kunsthaus Potsdam (Ulanenweg 9, bis 4.12., Mi 11-18 Uhr, Do-Fr 15-18 Uhr, Sa-So 12-17 Uhr). Dabei bezieht er sich auf das legendäre Projekt von Edward Steichen „Family of man“.

Ruetz, der mit seiner Kamera die Verwandlungen der Stille sucht, beobachtet hier Abenteuerlust und Unternehmungsgeist der quicken Tiere. Am Strand gräbt sich ein Hund kopfüber in ein Loch, tief versunken in die Spur. Zwei Streuner schnüren selbstvergessen über das Watt. Aber der bedächtige Künstler hat auch ein Auge für das Verhältnis von Herr und Hund. 1969 fotografiert er François Mitterrand in einer französischen Bar. Unter dem Tisch, zu Füssen des Machtmenschen, liegt ein Jagdhund. Dem Rudeltier erlaubt der Mensch eine fast grenzenlose Nähe. Mit ihm teilt er zärtliche Momente. Ruetz fotografiert die Pfoten seines Hundes. Unter den entspannten Läufen ledrige Sohlen mit Pelz und Krallen dazwischen. „Hände“ heißt das Bild. Für den Fotografen der Langsamkeit stellt sein Berner Sennenhund das ideale Fotomodell dar. Denn dessen Lieblingsbeschäftigung besteht offenbar im Relaxen. Simone Reber

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