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Klangsucherin. Khatia Buniatishvili, Jahrgang 1987. Foto: Esther Haase / promo
Klangsucherin. Khatia Buniatishvili, Jahrgang 1987. Foto: Esther Haase / promo

DISKUSSION

Kokett: Sloterdijk und Rem Koolhaas in der niederländischen Botschaft

Eine Tour d’horizon sei zu erwarten, hieß es in der Einladung zu dem „architektonisch-philosophischen Dialog“, den Peter Sloterdijk und Rem Koolhaas passenderweise in den Räumen der Niederländischen Botschaft zu führen gedachten, eines der Vorzeigewerke des Architekten aus Rotterdam. Der deutsche Philosoph hingegen hat zu jedem Thema eine Ansicht und zu fast jedem davon auch ein Buch geschrieben. Auch Koolhaas hat Etliches geschrieben, hielt sich indessen zurück. Er antwortete auf die Frage von Moderator Stefan Trüby, einem Schweizer Architekturtheoretiker, welches Thema ihn derzeit „in Geiselhaft“ nehme. Dass mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten lebe, war die Stelle, an die sich ein Dialog hätte anknüpfen lassen. Doch es kam zum Themenabhaken, von „Finanzwelt“ bis „Landschaft“. Da hatte Sloterdijk Persönliches beizutragen, nämlich über seinen Aufenthalt im indischen Poona. Der Philosoph bekannte, damals an „Prolegomena zu einer tropischen Ethik“ gedacht zu haben – daraus sei jedoch wegen des Klimas nichts geworden.

Gegen Ende des Abends kam es zu einer Art Dialog, als es um Städte und Länder ging, die von einer „Kompositpopulation“ bewohnt, oder besser beaufenthaltet werden, wie Sloterdijk formulierte. Auch die Schweiz, warf Koolhaas ein und weitete den Blick auf die Ländereien der Welt, die früher von bäuerlicher Tätigkeit gekennzeichnet waren, heute aber von den Übeln finanzieller Transaktionen. Zum Schluss kam Sloterdijk dann auf den Spiegel als „egotechnisches Equipment“ zu sprechen: „Die meisten Menschen wussten früher gar nicht, wie sie aussehen, und waren glücklicher als wir.“ Das war pure Koketterie, denn das Publikum, mit den Begrifflichkeiten vertraut, dankte sehr für den unterhaltsamen Abend. Bernhard Schulz

KLASSIK

Knisternd: Khatia Buniatishvili

im Kammermusiksaal

Am Anfang steht der Kampf mit dem Klavierhocker. Zu hoch, zu niedrig, zu weit weg, zu nah dran – mit Muße ruckelt und schraubt Khatia Buniatishvili an der richtigen Stellung herum. Dass sie bei ihrem Berlin-Debüt im Kammermusiksaal zeitlich schon ein wenig im Verzug ist, schert sie nicht. Und selbst röchelnde Huster und penetrant raschelnde Bonbonpapiere (zum allerzartesten Recitativo in Liszts h-Moll Sonate!) bringen sie nicht aus der Fassung. Diese junge georgische Künstlerin ruht ganz in sich. Wie schön. Buniatishvili, die von Sony Classical gerade aufs große Karriere-Tablett gehoben wird, verfügt ohne Zweifel über ein außerordentliches Talent: ein echt pianistisches nämlich, nicht nur ein musikalisch- musikantisches. Die Georgierin ist eine natürliche Virtuosin, vor ihr wird über kurz oder lang kein „Elefantenkonzert“ sicher sein, und Franz Liszt ist es schon jetzt nicht. Manuell arbeitet sie stets in der Horizontalen, hoch ökonomisch, mit flachen Handgelenken und Fingern, so frei, als fänden sich diese nur zufällig zu zwei Händen zusammen. Lange hat man wohl kein so betörendes Piano-Spiel mehr gehört (etwa beim Einsatz der Fuge in Liszts Bearbeitung von Bachs Präludium und Fuge in a-Moll), eines, das sich so extrem, ja extremistisch an die Grenzen der Hörbarkeit wagt – und trotzdem so herrlich sinnlich klingt. Die 24-Jährige besitzt, was man einen Anschlag nennt, ein Funkenschlagen, sobald Finger und Tasten sich berühren, einen siebten Sinn für mürbeste Licht-und- Schatten-Spiele.

Diese Kunst hat ihren Preis. Bei Bach/Liszt mag man das Fehlen von musikalischer Struktur noch unter Interpretation verbuchen; bei Haydn nach der Pause stößt es eher übel auf – von Stil, von Klassizität keine Spur. Und auch bei Brahms (zwei Intermezzi aus op. 117 und op. 118) dringt Buniatishvili zwar in impressionistisch schimmernde Farbwelten vor, die man dem alten Schwerblut nie zugetraut hätte – mehr als lauwarme Schaumbäder richtet sie damit freilich nicht an. Entsprechend problematisch ist ihre Gestaltung von Liszts h-Moll Sonate als frei schwebende Groß-Fantasie: sehr laut und sehr leise, risikofreudig – und doch fern jeder dramaturgischen Klarheit und Konzeption. Erst in Prokofieffs siebter Sonate von 1939 zeigt Buniatishvili am Ende, dass ihre Pranke für rhythmischen Witz und jazzige Grimassen, für das Gestische in der Musik wie geschaffen wäre. Große Begeisterung. Christine Lemke-Matwey

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