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KLASSIK

Glanz & Gloria: der Dresdner Kreuzchor im Konzerthaus

Sollte man aus seiner Haut schlüpfen, nur weil man es kann? Mit dem Programm „Gloria“ begegnet der Dresdner Kreuzchor im Berliner Konzerthaus unter der Leitung von Roderich Kreile der Herausforderung, sich den Opernklang aus dem sakralen Repertoire zu erschließen: Gloria von Vivaldi, Missa di Gloria von Puccini sowie das Magnificat von Johann Christian Bach – allesamt in Italien entstandene Werke aus katholischer Feder (der Bach-Sohn Christian konvertierte). Bei einem Chor, der sich so wesentlich durch seine lutherische musikalische Tradition definiert, ist das eine Kollision zweier konträrer Welten.

In Puccinis sakraler Komposition, die sich von seiner späteren Opernmusik kaum unterscheidet, erweist sich die Mischung als besonders frappant. Eine hochdramatische Tenor-Solopartie trifft auf schmucklosen evangelischen Chorklang in einem Gloria von stark opernhafter Gestik. Obschon Kreile das Konzerthausorchester dynamisch im Zaum hält, erstickt die romantische Wucht immer wieder den schlanken Chorklang.

Zwar erfüllt der Kreuzchor diese Werke mit einer interessanten inneren Spannung, doch büßt er dabei einiges von seiner so besonderen, in der a capella-Tradition von Heinrich Schütz verwurzelten klanglichen Ausstrahlung ein. Als zum Schluss „In dulci jubilo“ a capella als Zugabe erklingt, hat der Chor auf einen Schlag – vom Affekt befreit – seine ganze unvergleichliche Aura zurückgewonnen. Die eben noch eingeengten hohen Register strahlen, der Klangkörper ist wieder eine geistige Einheit – als wäre der Abend ein bloßes Spiel mit der eigenen Identität gewesen. Barbara Eckle

KUNST

Wand & Raum: Andreas Schmid

in der Galerie „Weißer Elefant“

Ein Gefühl, als würde sich der Raum drehen, während man die auf dem Boden liegende Fotografie umschreitet. Dazu tragen die schrägen Linien bei, die Andreas Schmid auf die Raufasertapeten der Galerie „Weißer Elefant“ (bis 18. 12., Auguststr. 21, Di-Sa 13-19 Uhr) aufgetragen hat. Die Fotografie zeigt Berge oder Wasser, eine Landschaft, das ist nicht wichtig. Wie der Titel „Archipele“ verrät, verhält sich jeder Raum wie eine Insel zu einer Inselgruppe. In einem Raum beschäftigt sich Schmid mit Enge und Freiraum. Eine straff gespannte Schnur wirkt wie eine Schranke, Streifen in Pink, Orange und Grün ziehen sich von der Decke an der Wand entlang. Ändert man die Position wirkt der Raum plötzlich frei, die Schnur wie ein malerisches Element. Lena de Boer

BUCHVORSTELLUNG

Licht & Leisten: die Fagus-Werke

von Walter Gropius

Die Fagus-Werke im niedersächsischen Alfeld zählen seit Juni 2011 zum Unesco-Weltkulturerbe. Sie gelten als „Bauhaus vor dem Bauhaus“: 1911 als erster Bau von Walter Gropius errichtet, dazu der erste Bau mit einer Vorhangfassade aus Glas. Lange stand das Bauwerk im Schatten von Gropius’ weltberühmtem Bauhaus-Schulgebäude in Dessau. Nun lud der Niedersachse Thomas Oppermann, Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, zur Vorstellung eines von ihm mitherausgegeben Buches, das unter dem Titel „Fagus. Benscheidt. Gropius“ den Firmengründer Carl Benscheidt würdigt und die Geschichte des Bauauftrags berichtet (zus. mit Friedrike Schmidt-Möbus, Steidl, Göttingen 2011, 184 S., 18 €).

Benscheidt sei ein Musterbeispiel für soziale Marktwirtschaft gewesen, da waren sich Oppermann und sein CDU-Kollege Peter Altmaier einig. Benscheidt gab dem unbekannten Gropius die Chance zu seinem überhaupt ersten und gleich so gewichtigen Auftrag, und zwar auch, weil er moderne, menschenwürdige Arbeitsplätze schaffen und mit dem Gebäude für sich Reklame machen wollte. Der Rest ist  Geschichte, und zwar eine Erfolgsgeschichte, die – nach dem Beinahe-Konkurs 1974 – bis heute fortdauert.

Denn die Fabrik ist unverändert in Betrieb, produziert allerdings längst keine Schuhleisten mehr. Das vorgestellte Buch jedenfalls ist ab sofort unentbehrliche Lektüre nicht allein für die Chronologie, sondern vor allem für die Entstehungsbedingungen der modernen Architektur. Sein Untertitel lautet treffend: „Wege in die ästhetische und soziale Moderne“. Bernhard Schulz

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