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KLASSIK

Auf Seitenpfaden: Jörg-Peter Weigle mit dem Philharmonischen Chor

„Alles, was Odem hat, lobe den Herrn“: der Psalmtext klingt uns im Ohr als Schlusssatz einer grandiosen Motette von Johann Sebastian Bach. Seinem Vorbild folgend nimmt ihn auch Felix Mendelssohn Bartholdy als Ziel eines geistlichen Werkes. Es ist der „Lobgesang“, der als zweite Sinfonie des Komponisten von drei Instrumentalsätzen eingeleitet wird. Da grüßt Beethovens Neunte. Hans Mayer spricht in diesem Fall von den „Nothelfern“ Beethoven und Bach. Für Bach steht auch der Choral, romantisierend, breit, „Nun danket alle Gott“.

Jörg-Peter Weigle bewegt sich mit dem fabelhaft renovierten Philharmonischen Chor Berlin zu wiederholtem Mal auf Seitenpfaden der musikalischen Rezeptionsgeschichte. Die löbliche Entdeckungsreise landet hier nicht auf vergessenen Kostbarkeiten. Kein großer Mendelssohn. Dennoch ist es dankenswert, dem „Lobgesang“ in der Philharmonie zu begegnen, weil er Momente rührenden Suchens enthält: „Hüter, ist die Nacht bald hin?“, von dem Tenorsolisten Kenneth Tarver eindringlich gesungen, oder das Duett „Ich harrete des Herrn“, in dessen Höhen sich die Sopranistinnen Susanne Bernhard und Ulrike Schneider in Klarheit messen.

In diesem Stück wie überhaupt imponieren besonders die Solobläser des Brandenburgischen Staatsorchesters Frankfurt. Eine Mendelssohn-Aura aber überglänzt eher die „Sinfonia“ mit ihrer Anmut als die Vertonung der Bibelworte. Zeitgenossen haben den 100. Psalm von Max Reger für gemischten Chor, Orchester und Orgel mit seiner ausladenden Schlussdoppelfuge als „Wunderbau“ gerühmt. Kühner, tonartfremder Orgelpunkt am Anfang! Trotz der altmeisterlichen Souveränität seiner üppigen Notenarbeit jedoch dürfte das Werk kaum Chancen haben, in die Mitte des Musiklebens zu gelangen. Sybill Mahlke

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Auf Abwegen: Pierre-Laurent Aimard

im Schillertheater

Als Hörer wie als Interpret einschlägiger Konzertprogramme habe er sich oft gelangweilt, bekennt Pierre-Laurent Aimard zu Beginn seiner Matinee im Schillertheater. Was sich der Pianist zur Behebung dieses Übels ausgedacht hat, bringt Musik aller Sparten und Stilrichtungen in verblüffend neue Relationen. Tatsächlich „komponiert“ der Franzose aus Stücken und Bruchstücken quer durch die Musikgeschichte so etwas wie ein eigenständiges Werk in fünf Sätzen. Noch etwas spröde geht sein „Prélude élémentaire“ ganz vom repetierten Einzelton aus, führt mit rhythmischen Lehrstückchen von Bartók und Kurtág über ein fragil melodiöses „Kinderstück“ Anton Weberns zu den überraschend klangschönen „Notations“ von Pierre Boulez.

Im ausdrucksvollen „Sostenuto“ stürzen schwer lastende Seufzer aus Mussorgskys „Catacombes“ direkt in ein Skrjabin-Prélude, während Kurtágs Quartspiele in eine Beethoven’sche „Diabelli“- Variation übergehen. Nach spöttischen Mutationen von Joplin-Ragtimes und Schubert-Walzern durch Strawinsky oder Ligeti zeigt sich Beethoven auch im keck collagierten „Capriccio“ als der Innovativste, Radikalste: Seinen „Bagatellen“ kann auch ein Stockhausen den Schneid nicht abkaufen, die sich im Übrigen hervorragend mit Scarlatti kombinieren lassen, Zeile für Zeile. Und wenn Schumanns „Sphinx“ – rein theoretischer Tonvorrat einer Stückfolge aus dem „Carnaval“ – so obertonreich auf niedergedrückten Klaviersaiten gezupft wird, verwandelt sie sich in den reinsten John Cage. Und wo sind wir in den abschließenden „Cloches d’Adieu“? Bei Tristan Murail, Ravel oder Mussorgskys ironisch verkürztem „Tor von Kiew“? Das Vergnügen steigt von Satz zu Satz auch durch Aimards kundig-launige Moderation. Waren anfangs noch einige Zuhörer türenschlagend geflüchtet, gibt es zum Schluss Ovationen. Isabel Herzfeld

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