KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

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KLASSIK

Auge in Auge: Murray Perahia

mit der Philharmoniker-Akademie

Die Art und Weise, wie Murray Perahia seine Saison als „Pianist in Residence“ bei den Berliner Philharmonikern eröffnet, sagt viel aus über diesen skrupulösen Musiker aus Brooklyn. Kein Soloabend, kein voller Orchesterapparat, keine großen Gesten. Perahia, der neunte philharmonische Hauspianist, wählt die konzentrierte Atmosphäre eines Workshops und den Kontakt zur Jugend: Zusammen mit den Mitgliedern der Orchester-Akademie gestaltet er im ausverkauften Kammermusiksaal ein Komponisten- und Interpretengenerationen übergreifendes Programm mit Werken der Bach-Familie sowie von Haydn und Beethoven.

Doch zunächst einmal taucht Perahia gar nicht auf. Johann Christian Bachs Symphonie B-Dur op. 3 Nr. 4 spielen die selbstbewussten Akademisten ohne anwesenden Taktgeber. Das Allegro con spirito eröffnet mit intensivem Blickkontakt, der im Andantino scheuer und im Finale tänzerischer hätte ausfallen dürfen. Da hat diesen hochmotivierten jungen Musikern dann doch ein inspirierender Ratschlag gefehlt. Nachdem Perahia in ihrer Mitte Platz genommen hat und Beethovens 2. Klavierkonzert vom Flügel aus leitet, wird deutlich, dass er Mühe hat. Seine Konflikte nicht zuspitzende Beethoven-Lesart, sein sonst so unwiderstehliches Verflüssigen von Musik – es will sich nichts so einfach entfalten, von einem brio mit Fliehkräften ganz zu schweigen.

Johann Sebastian Bachs 5. Konzert für Klavier und Streicher leuchtet zunächst im rhythmischen Unisono auf, doch die Hoffnung auf ein mürb-delikates Largo erfüllt sich nicht. Perahia wirkt nicht frei in seiner Kunst, ja, er ringt ein wenig nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen. Wer aus dieser Lage in Haydns Oxford- Symphonie einbiegt, wird sich instinktiv an ihrer formalen Souveränität festhalten. Ihr Humor hingegen, ihr spielerischer Umgang mit Konventionen und Erwartungen, bleibt ungehoben. Murray Perahia verneigt sich kurz und entschwindet – bis zum Januar. Ulrich Amling

SOUL

Hand aufs Herz:

Flo Mega im Festsaal Kreuzberg

Dieses Rumpelstilzchen kann singen. Und wie. Beim Erstanblick teilt man den bleichen Mann mit seiner Ruckelmotorik, Schiebermütze und Ray-Charles-Brille erst mal in die Kategorie wunderlicher Bühnenclown ein, aber das vergeht, sobald Flo Mega den Mund aufmacht. Da steht Joe Cocker in frisch und jung vor einem. Und im Gegensatz zum Altmeister singt er Deutsch und sogar Falsett. Flo Mega ist, wie seit seinem zweiten Platz bei Stefan Raabs Bundesvision Song Contest inzwischen ein paar mehr Leute wissen, der größte Soulman, den die Hansestadt Bremen je hervorgebracht hat. Und Lübeck und Hamburg noch dazu.

Als letzte Station seiner Tour zum Album „Die wirklich wahren Dinge“ hat Flo Mega am Mittwoch den gut gefüllten Festsaal Kreuzberg angesteuert. Ein Heimspiel für die ebenso präzise wie originelle Soul- und Funkband The Ruffcats, mit der er seit 2007 zusammenarbeitet. Schon das knackige Intro der um eine dreiköpfige Bläsersektion und zwei Backup-Sängerinnen aufgestockten Truppe verheißt einen Abend scharfer Bläserriffs und treibender Beats. Tatsächlich folgt dann zwei Stunden lang eine dampfende Uptempo-Nummer der nächsten, mal Old-School-Soul, mal R&B, mal nur B – also Blues –, mal Hip-Hop. Unterbrochen nur von ein bisschen Reggae für Kiffer und einer Liebesballade fürs Herz: „Zurück“ – der Bundesvision-Hit.

Mitsing-Schmelz wie diesen hätte es gern mehr geben dürfen. Immerhin singt der Saal dem 1979 als Florian Bosum geborenen Ex-Hip-Hopper ein Geburtstagsständchen. Hand aufs Herz, Flo Mega ist gerührt und dabei Lichtjahre von allen süßlichen Xavier-Naidoo-Epigonen des Deutsch-Souls entfernt. Soulbruder-Posen beherrscht er trotzdem: Melodram, Coolness, Kumpelton. Bitter nur, dass der Sound an diesem Abend so grottig ist. Ein besonders in den Höhen übersteuerter Klangbrei, der jeden Song plattmacht. Der reine Frevel an dieser Stimme und dieser Band.Gunda Bartels

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