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POP

Disco-Diva:

Little Dragon im Astra

Reichlich Vorschusslorbeeren für eine kleine Band aus Göteborg: Little Dragon waren Gäste auf dem letzten Gorillaz-Album „Plastic Beach“ und durften die Konzerte der Allstar-Combo um Damon Albarn als Vorgruppe eröffnen. Angesagte Künstler wie David Sitek von TV On The Radio, der R’n’B-Impresario Raphael Saadiq und der britische Dubstep-Produzent SBTRKT luden die japanischstämmige Sängerin Yukimi Nagano oder gleich die ganze Crew zu Studioaufnahmen ein. Viel Medienrummel, eine bejubelte Platte im Sommer, da war es umso schmerzhafter, dass Little Dragon ihre für November geplanten Auftritte wegen einer Erkrankung von Bassist Fredrik Källgren Wallin absagen mussten. Doch die Neugier ist ungebrochen, wie das zum Nachholtermin bestens gefüllte Astra beweist. Im Mittelpunkt des Interesses steht Yukimi Nagano, obwohl nur noch wenig darauf hindeutet, dass ihr heftige Temperamentsausbrüche vor vielen Jahren den Spitznamen einbrachten, der dann als Bandname übernommen wurde. Gerade als kühle, ihr begrenztes Stimmvolumen klug einsetzende Disco-Diva, die sich nur ein paar laszive Hüftschwünge oder etwas rudimentäres Getrommel auf einem elektronischen Drumpad als expressive Gesten leistet, ist sie die ideale Ergänzung zum retrofuturistischen Popentwurf ihrer vier Schwedenboys. Ohne Gitarren, dafür mit bis zu drei Synthesizern und Erik Bodins stoischem Schlagzeugspiel erzeugen sie einen groovenden, zwischen ganz frühem Prince, federndem Chicago-House, Dub-Einschüben und Post-Punk oszillierenden Sound, der das Publikum wie bei einem guten DJ-Set immer tiefer in einen hypnotischen Bewegungstrudel zieht. Und wie ein verantwortungsbewusster DJ jagen sie die Fans nicht nassgeschwitzt in die Nacht hinaus, sondern nehmen zum Schluss das Tempo raus: Die schockgefrostete Ballade „Twice“, die an die großen Trip- Hop-Momente der Neunziger erinnert, ist nach 90 Minuten das Finale eines Konzerts, das hohen Erwartungen gerecht werden konnte. Jörg Wunder

KLASSIK

Außenseiter: Operette a cappella

im Werner-Otto-Saal

Es mag nach einer abseitigen Idee klingen, als Komponist der Neuen-Musik-Szene eine Operette zu schreiben und das noch dazu in A-cappella-Besetzung. Aber in der Operette „Geschichte“ des 1970 geborenen Oscar Strasnoy geht es ja auch um einen Außenseiter. Sie basiert auf einem Fragment von Witold Gombrowicz, der nach dem Ursprung seiner schriftstellerischen Berufung sucht und sie in seiner Isolation in einer begüterten Familie am Vorabend des ersten Weltkriegs findet. Überzeitlich spannend ist daran das Spiel mit Realität und Fantasie in einer geordneten Welt am Abgrund: Übergangslos verwandelt sich Witolds Familie in einen Unreifeprüfungsausschuss, eine Musterungskommission sowie in den Zarenhof. Die Neuen Vocalsolisten Stuttgart, die die Berliner Erstaufführung im Werner-Otto-Saal des Konzerthauses bestreiten, setzen dies mit großer Akkuratesse in Szene. Die gegenseitige Abhängigkeit der Stimmcharaktere im Ensemble erweist sich dabei als ideales Mittel, um das Phänomen Familie abzubilden. Weniger eindringlich ist die Darstellung des ambivalenten Verhältnisses von Reife und Unreife, das den zwischen Erlöserfantasien und Ohnmachten zerrissenen Witold plagt. Countertenor Daniel Gloger gestaltet Strasnoys differenziert variierte Textwiederholungen mit immer neuen emotionalen Färbungen. Um daraus einen konsistenten Charakter zu schaffen, hätte es eines Ausnahmeschauspielers bedurft.Carsten Niemann

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