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Magdalena Ulrich
Eindringlich. Kathleen Morgeneyer (Mitte) in der Rolle der Katharina. Foto: fsk
Eindringlich. Kathleen Morgeneyer (Mitte) in der Rolle der Katharina. Foto: fsk

FILM

Wüten: „Unten Mitte Kinn“

von Nicolas Wackerbarth

Acht Schauspielstudenten zielen mit Faustschlägen in die Luft: „Unten, Mitte, Kinn!“ ist ihr Schlachtruf. Mit drei Schlägen lässt sich ein Gegner niederstrecken, so lernt man es in der Abschlussklasse. Doch nicht nur auf der Bühne ist Schlagkraft gefordert. Die Zukunft der Studenten steht auf dem Spiel.

Noch zwei Wochen, dann müssen Katharina, Nele, Tara, Rike, Jochen, Bastian, Antonin und Luise vor Intendanten auftreten, das ist der erste extrem wichtige Prüfstein ihrer Karriere. Doch plötzlich ist ihr Schauspiellehrer (Fritz Schediwy) verschwunden. Unterdessen prüft eine Unternehmensberaterin die Hochschulbilanzen, die Abteilung Schauspiel droht geschlossen zu werden. Da ergreifen die Studenten selber die Initiative: Sie engagieren eine alternde Diva (Ursula Werner), um sich mit ihrer Hilfe auf das Vorspiel vorzubereiten. Zu allem Überfluss werden sie während der Proben durch ihre eitlen, intriganten Lehrer schikaniert. Und auch untereinander bewegen sie sich auf schmalem Grat – zwischen Freundschaft und Konkurrenz. Das überspannte Verhalten von Schauspielschülern mag durchaus komische Züge tragen, doch „Unten Mitte Kinn“ (fsk-Kino, tgl. 18.15 Uhr, ab 15.12., 18 Uhr) erzählt vor allem von massivem Stress. Gegen die emotional übergriffigen Lehrer hilft nur Disziplin – Empörung könnte schließlich der Karriere schaden. Sie passen ins Bild der „traurigen Streber“, wie der „Zeit“-Journalist Jens Jessen die heutigen Mittzwanziger genannt hat. Sie drängen getrieben in eine unsichere Branche, immer in der Gefahr, ihre Ideale dem Erfolg zu opfern.

Nicolas Wackerbarths Spielfilm „Unten Mitte Kinn“ lebt von einem ausgesprochen dokumentarischen Ton. Mit seinen Schauspielern hat der Regisseur Szene für Szene improvisiert, ohne dass sie die Filmhandlung kannten. So gelingen natürliche Dialoge, man fällt sich ins Wort und lässt angebrochene Sätze stehen. Auch werden einige Rollen von Theaterschauspielern gespielt, die ihren Berufseinstieg selber gerade erst hinter sich haben. Eindringlich spielt Kathleen Morgeneyer die zerbrechliche – und fast zerbrechende – Katharina. Und Anne Müller, mit durchdringendem Blick, die androgyne Nele. „Ist das der richtige Job für dich?“, fragt sie die erschöpfte Katharina. Es klingt ein Vorwurf in dieser Frage und zugleich Neles eigener Selbstzweifel. Wie wappnet man sich für einen Beruf, in dem man dem Urteil der Umwelt besonders ungeschützt ausgesetzt ist? in „Unten Mitte Kinn“ wagen die Studenten den Protest. Fragt sich, ob sie als mutig Wütende auch auf dem Markt eine Chance haben.Magdalena Ulrich

KLASSIK

Säuseln: Robert Spano beim Deutschen Symphonie-Orchester

Die größte Tugend amerikanischer Orchester ist Akkuratesse um jeden Preis, eine Genauigkeit, die schon mal auf Kosten einer sinnigen Interpretation geht. Robert Spano, der geradezu drahtig wirkt, importierte als Musikdirektor in Atlanta viel von diesem musikalischen Selbstverständnis, als er beim Deutschen Symphonie-Orchester Berlin ein schlaues Programm unterbringt. Sein löbliches dramaturgisches Sendungsbewusstsein wirkt zunächst leider reichlich pädagogisch und schnürt dem Orchester den Atem ab. Lässt Bartóks Tanzsuite die folkloristische Glut vermissen, blieb Debussys berühmte Meeresdichtung mit ihrer synästhetischen Sogkraft und dem bildlichen Wellengestürm eher ein Säuseln im Hafenbecken. Ein Orchester von DSO-Format braucht hier kein Metronom, sondern einen Impulsgeber, der zaubern kann.

In der suitenartigen Auswahl von Opernszenen aus Ligetis herrlicher Farce „Le grand macabre“ ist es dann aber doch gut beraten, dem vor allem präzisen Schlag zu folgen, denn eigentlich ist ein so komplexes Werk mit normalem Konzertprobenaufwand nicht zu bewältigen: Zahllose übereinandergeschichtete Strukturen wollen beständig beieinander gehalten und sinnstiftend gewichtet sein. Was ein Glück, dass sich Spano auf sein hervorragendes Gesangsquartett verlassen kann: Silke Evers und Nadine Weissmann geben ein begnadet triviales Lustpärchen in Grabesstille, Wolfgang Ablinger-Sperrhacke ragt mit der sympathisch-wahnsinnig deklamierten Partie des „Piet vom Fass“ heraus. Thomas J. Mayer wagt als dem Suff erliegender Sensenmann Nekrotzar auch sehr unsängerische Schreie. So szenisch geht es selten zu in der Philharmonie: Bravi üppig.  Christian Schmidt

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