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POP

Drummerfrühling: Liebezeit

und Friedman im Festsaal Kreuzberg

Ein Schlagzeuger, der seine Beine nicht benutzt? Jaki Liebezeit kommt ohne Fußmaschinen aus und bedient sein kleines Set ausschließlich händisch. Außerdem hält er die Sticks verkehrt herum, haut also immer mit dem dicken Ende auf die Felle. Was keineswegs zu einer Vergröberung seines minimalistischen Spiels führt, aber zu einer Akzentuierung des voluminösen „Tumm“ der großen Standtom, das seine Exkursionen wie ein Metronom durchzieht. Ach ja, Liebezeit war Schlagzeuger von Can, der vermutlich wichtigsten Krautrockband überhaupt, ehe er in den Achtzigern als Sessionmusiker für Auftraggeber wie Gianna Nannini, die Eurythmics oder Joachim Witt trommelte. Jetzt ist er 73 und offenbar im dritten Schlagzeugerfrühling: So entspannt, fit und gelöst wirken auch halb so alte Drummer selten.

Im Festsaal Kreuzberg tritt er mit dem Elektroniktüftler Burnt Friedman auf, der eigentlich Bernd Friedmann heißt, 27 Jahre jünger ist und seit einem guten Jahrzehnt mit Liebezeit arbeitet. Friedman frickelt mit einem alten Korg-Synthesizer, einem Laptop und einem Sampler vielschichtige Texturen zusammen, die Weltmusik, abstrakte Techno-Bleeps oder schleifende E-Gitarren imitieren. Die Sounds fügen sich mal zu songartigen Strukturen, dann wieder mäandern sie bis zu 15 Minuten lang, was wie eine Auffrischung alter Can-Ideen klingt. Das Bewegende an dem umjubelten Konzert ist die uneitle Kollegialität dieser beiden Routiniers: Wie sie sich nach jedem glücklich zu Ende gebrachten Klangabenteuer selig anlächeln, wärmt das Herz. Jörg Wunder

KLASSIK

Wiedersehen: Sabine Meyer

und Günther Herbig im Konzerthaus

Günther Herbig war 1977 bis 1983 Chefdirigent des Berliner Sinfonie-Orchesters, das heute Konzerthausorchester heißt. Wenn er nun mit 80 Jahren zu dem Orchester zurückkehrt, das verjüngt und längst nicht mehr seines ist, scheint dennoch Tradition aufzuleben. Die Musiker spüren, dass da ein Meister war und ist. Gegenwart trifft Geschichte im Klang der Zehnten von Schostakowitsch. Als sei es gestern gewesen, zeigt Herbig, wie man dieses Orchester führt und feiert, die Sinfonie aus dem Dunkel der Bässe holt und ein makelloses Solo nach dem anderen hegt. Das Horn, das Fagott, die Klarinette und alle anderen – was für ein Orchester!

Der Sinfoniker Schostakowitsch, verdammt und auferstanden in der Sowjetunion, neigt in diesem Werk zum Einfachen, Walzer, Klassizismus. Die Interpretation aber, auswendig dirigiert und innerlich erworben, verrät, was sich unter der Oberfläche verbirgt: Ursprünglichkeit, Mut, Geheimnis. Der zweite Satz (brutal, ein Stalin-Porträt?) klingt hier so zündend, dass der Maestro sich freut.

Sabine Meyer, die viel gerühmte Klarinettistin, weiß Mozarts Konzert immer wieder so zu spielen, als sei es das erste Mal. Es gibt ja nur dieses eine Klarinettenkonzert von Mozart – komponiert im Oktober des Todesjahres 1791 –, und es gibt nichts Schöneres. Sich seiner würdig zu erweisen, versteht die Interpretin als geliebte Pflicht. Im Technischen, in allen Läufen, Kapriolen, Fiorituren wie in der Tiefenlage des Instruments bewegt sie sich so frei, dass Raum bleibt für die Wunder der Melodie. Sabine Meyer ist die geborene Solistin. Sybill Mahlke

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