KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

von

KLASSIK

Bekränzt: Emmanuel Pahud und

Nicola Luisotti in der Philharmonie

Die musikalische Avantgarde des 20. Jahrhunderts hatte es aufgegeben, sich um die offizielle Kunst der Sowjetunion zu kümmern. Zu Unrecht, wie sich jüngst beim Konzerthausorchester mit einer geheimnisvollen Aufführung der Zehnten von Schostakowitsch unter Günther Herbig bestätigte. Nun spielen die Berliner Philharmoniker die fünfte Symphonie von Prokofjew, und das Suchen nach Originalität, nach der Magie der frühen Werke geht ins Aus. Obwohl das Opus 100 B-Dur vor dem politischen Verdikt von 1948 herauskam, lärmt es im Dienst des Vaterlandes. Zudem tut man sich schwer, Zwielicht zu entdecken, wenn ein Dirigent wie Nicola Luisotti mit Schneid und raumgreifender Gestik geradeaus musiziert. Im Scherzo wäre ironische Groteske zu erkennen, was seine Sache nicht ist. Der Italiener hält sich an das Klangbild runder Kantilene, das mit weiter Lage und viel Tuba Prokofjews Könnerschaft bekundet.

Das „Gloria“ von Poulenc ist dagegen typisch französische Kunst, verbunden mit Music Hall oder Revue. Der Rundfunkchor Berlin singt mit seiner diskreten Perfektion, indes Leah Crocettos Sopran sichere Höhe und Tremolo hören lässt.

Bekränzt wird das Konzert von dem Philharmoniker Emmanuel Pahud mit zwei Stücken für Flöte solo (noch einmal heute, 20 Uhr). Die für Gazzelloni komponierte „Sequenza I“ von Berio bewegt sich experimentell am Rand des Möglichen, ohne den Wohlklang des Instruments zu verachten, der Pahuds Kapital ist. Besonders schön entfaltet er sich in den Höhen von Debussys „Syrinx“, in Trillern und eleganter Oktave: eine Interpretation, die einer neuen Verfertigung des Stücks beim Spielen gleicht. Sybill Mahlke

KUNST

Allerwertest: Bethan Huws

im Haus der Kulturen der Welt

Das Urinal, das er unter dem Titel „Fountain“ ausstellte, hat Marcel Duchamp weltberühmt gemacht. Er dürfte einer der am besten erforschten Künstler der Moderne sein. Dennoch besteht immer noch Erklärungsbedarf, findet Bethan Huws. Die walisische Künstlerin beschäftigt sich seit zehn Jahren mit Duchamp und zeigt nun in Haus der Kulturen der Welt in der Ausstellungsreihe „Labor Berlin“ eine Bilanz ihrer Arbeit (bis 9. Januar, Mi - Mo 11 - 19 Uhr). Wer ihre letzte Schau in der Daad-Galerie vor zwei Jahren gesehen hat, mag ein bisschen enttäuscht sein. Schon damals begegnete man in einem Film römischen Brunnen, dieses Mal zeigt Huws neun davon als großformatige Fotoserie. Aber so ist das mit Forschungen, immer geht es ein Stückchen weiter, immer konzentrierter wird das Ergebnis.

Huws Denken kreist um Wortbedeutungen. Während sie Duchamps „Fountain“ wörtlich versteht, spielt sie in den ebenfalls ausgestellten Wandtexten mit dichten Assoziationsketten und übertragenem Sinn. So beschreibt sie, wie Duchamp seine mit Schnurrbart versehene Mona- Lisa-Reproduktion mit den Buchstaben „L.H.O.O.Q“ betitelte. Huws liest darin eine Abkürzung für: „Elle a chaud au cul“ – was man in Frankreich sagen kann, wenn einem der Arsch auf Grundeis geht. Huws musste bei dieser Redewendung wiederum an Apollinaire denken, der einmal verdächtigt worden war, die echte Mona Lisa aus dem Louvre gestohlen zu haben. So weit verstanden? Aus einem dichten Netz an Referenzen spinnt Huws ihr ganz eigenes Theoriennetz. Das ist keine Wissenschaft, sondern seinerseits Kunst. Und die Wandtexte können wie Bilder gelesen werden. Anna Pataczek

0 Kommentare

Neuester Kommentar