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POP

Sirenengesang und Ausdruckstanz:

Austra in der Volksbühne

Normalerweise läuft das beim Neujahrskonzert in der Volksbühne so: Die Leute kommen verkatert an, fläzen sich ins Gestühl und lassen die Performance eines geschmackvollen Pop-Acts wohlwollend, aber passiv über sich ergehen. Auch Katie Stelmanis, die Sängerin der kanadischen Neo-New-Wave-Band Austra, schaut zunächst traurig ins träge Auditorium. Doch nach vier, fünf Songs geschieht das Unerwartete: Immer mehr Gäste fangen an zu tanzen, bis eine wogende Menschenmenge an die Gestade des ausverkauften Saals brandet. Wie konnte das geschehen? Es muss an der Musik liegen. Austra bedienen sich dreist bei den besten Synthiepop-Bands der Achtziger, also in der Gewichtsklasse von New Order oder Soft Cell, klauen deren eingängigste Instrumental-Hooks, mischen aktuelle Clubsounds darunter und verbinden das suggestiv mit mehrstimmigen Sirenengesängen, deren schroffe Melodik eher osteuropäischer Herkunft ist.

Dazu ist Austra eine Band, die anzuschauen einfach Spaß macht: Die coole Schlagzeugerin Maya Postepski, der lässige Bassist-im-Unterhemd Dorian Wolf und der engelslockige Keyboarder Ryan Wonsiak sind in ihrer Spielfreude eine Augenweide. Umwuselt werden sie von den zierlichen Zwillingsschwestern Sari und Romy Lightman, die sich unentwegt biegen und wiegen und Katie Stelmanis’ kräftigen, durchdringenden Alt mit zarten Arabesken umgarnen. Stelmanis schwenkt energisch ihren güldenen Glockenrock und beweist einen Willen zum Ausdruckstanz wie sonst nur ukrainische Eurovision-Song-Contest-Gewinnerinnen oder Bonnie Tyler in alten Musikvideos. Das alles ist so charmant und mitreißend, dass der rund eine Stunde währende Auftritt mit dem fantastischen Discostampfer „Beat And The Pulse“ als Höhe- und einer mutigen Coverversion von Joni Mitchells „Woodstock“ als Schlusspunkt schon jetzt ein Kandidat für das Konzert des noch jungen Jahres ist.Jörg Wunder

KLASSIK

Regentropfen und Dämonentanz: Pietro Massa im Konzerthaus

Ganz schön selbstbewusst, der Mann: Pietro Massa, Pianist aus Mailand, hat eine Agentur, die nur einen einzigen Künstler vertritt: ihn selbst. Seit zwölf Jahren lebt er in Berlin, hat über Orff und Hölderlin promoviert, unbekannte Werke von Ferruccio Busoni und Giuseppe Martucci aufgeführt und sieben CDs veröffentlicht. Jetzt ist er zum Abschluss des Jubiläumsjahres mit einem Liszt-Programm im Kleinen Saal des Konzerthauses zu hören. An den manischen Musikarbeiter Liszt erinnert jedoch zu Beginn wenig, Massa zeigt sich versunken in kontemplativer Andacht, als stiller Diener des Klangs – zu still: Die sechs „Consolations“-Stücke, luftige Skizzen, geraten ihm spröde, brav, pauschal. Aber dann: In der h-Moll-Ballade mit ihren bedrohlichen, immer wiederkehrenden Figuren der linken Hand entfacht er einen Dämonentanz.

Nach der Pause das gleiche Spiel: Liszts Bearbeitungen von Schubert-Liedern klingen übertrieben weltabgewandt. Massa hat Mühe, stillen Stücken Spannung zu geben. Dann wird der Anschlag in der elften ungarischen Rhapsodie und der As-Dur Etüde „Ricordanza“ härter, die Töne beginnen wie Regentropfen zu tanzen, und in der Konzertparaphrase von Verdis „Rigoletto“ erschafft er scheinbar ein ganzes Orchester allein mit dem Klavier, verleiht jeder Stimme im Quartett des dritten Aktes eine markante eigene Farbe. Expressive, dramatische Werke liegen ihm deutlich besser – so gut, dass er noch eine Opernparaphrase von Liszt hinterher schiebt: „Il trovatore“.Udo Badelt

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