KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

Magdalena Ulrich

AUSSTELLUNG

Ausgelassen: Mario Giacomellis Fotografien im Willy-Brandt-Haus

Eine Gruppe junger Priester tanzt so rasant im Kreis, dass die schwarzen Gewänder durch die Luft wirbeln. Sie scherzen bei einer Schneeballschlacht, spielen mit einem Kätzchen und turnen kopfüber an einem Holzbalken. Mario Giacomellis Fotos, Anfang der sechziger Jahre in einem Priesterseminar entstanden, zeigen die italienischen Geistlichen in ausgelassener Körperlichkeit. Das Willy-Brandt-Haus stellt hundert Fotografien des aus Senigallia stammenden Fotografen unter dem Titel „Orte, Landschaften, Seelenzustände“ aus (Stresemannstr. 28, bis 22.1.; Di-So 12-18 Uhr). 1963 wurde Giacomelli durch eine Ausstellung im New Yorker MoMA international bekannt. Bis zu seinem Tod im Jahr 2000 leitete er eine Druckerei in seinem Heimatort. Dort entstanden die meisten Fotografien. Die Serie „gabbiani“ schaut in einen Himmel voller Möwen. „Vita d’ospizio“ zeigt Szenen aus einem Altersheim: in Stahlrohrbetten, auf Laken und Häkeldecken, liegen eingefallene, dem Tod geweihte Körper. Die braunen Augen der Alten aber sind wach und einander zugewandt. Magdalena Ulrich

ARCHITEKTUR

Theoriestark: das neue Heft

der Zeitschrift „Arch+“

Die Zeitschrift „Arch+“ gilt als einer der letzten Zufluchtsorte für eine kritische Debatte über Stadt und Architektur im deutschsprachigen Raum. Schade nur, dass sich ihre Themen oft hinter einem Soziologensprech verbergen. Das gilt auch für das jüngste Heft zur „Krise der Repräsentation“ (Nr. 204, 16 €), auch die Kritik an Neoliberalismus und Deregulierung aufgreift. Statt sich mit Eigenkapitalvorschriften für Banken zu befassen, führt es Fallstudien zur Rekonstruktion von Hildesheim bis Frankfurt durch oder beschäftigt sich mit dem Bürgerprotest vom Gängeviertel bis zu Mediaspree. Dies alles wird von einer Diskussion des „Vorbilds Schweiz“ im Zusammenhang mit Stuttgart 21 durch Stefan Trüby begleitet, dem lesenswertesten Beitrag . Tatsächlich dürften die Deutschen mit einer Ad-hoc-Einführung von Elementen der „direkten Demokratie“ überfordert sein. Direkte Demokratie muss eingeübt werden. Wer sich dem Urteil des Stimmbürgers stellt, muss auch seine Position verständlich erklären können. Gut, dass es in diesem Beitrag gelungen ist. Jürgen Tietz

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