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Liebesspiele: Emmanuel Ceysson

bei „Debüt im Deutschlandradio“

Wer hat nicht schon alles in dieser verdienstvollen Reihe die Chance bekommen, sich in Berlin vorzustellen: Cecilia Bartoli und Jessye Norman, Simon Rattle und Daniel Barenboim – damals, als das 1959 gegründete Konzertformat noch „Rias stellt vor“ hieß – oder auch – nach der Umbenennung in „Debüt im Deutschlandradio“ – Kathia Bunitiashvili und Tugan Sokhiev. Gastgeber für die jungen Dirigenten und Solisten ist das Deutsche Symphonie-Orchester, das den Stars von morgen damit nicht nur Starthilfe leistet, sondern im Idealfall auch ganz konkret profitiert: Sokhiev kam so gut bei den Musikern an, dass er im Herbst ihr neuer Chefdirigent wird.

Und auch an diesem Montag ist beim „Debüt“ in der Philharmonie une véritable sensation zu erleben: Emmanuel Ceysson, ein 27-jähriger Beau, der in Alberto Ginasteras Harfenkonzert sein Instrument so sinnlich bespielt, wie man es noch nicht gesehen hat. Wie lächerlich wirken plötzlich die goldbronzenen Verzierungen auf der Säule, wie überflüssig der Intarsienschmuck! Da erklingt nicht der stocksteife Koloss, an dem sich höhere Töchter festhalten, da wird die Harfe dem Interpreten zur Gespielin, zur maitresse. Unerhört, wie sinnlich Ceysson sein Liebesspiel betreibt, mit geschickten Fingern Atmosphärisch-Betörendes hervorkitzelt, die Saiten zum Vibrieren bringt, den Tönen Raum gibt zum freien Ausschwingen. Ein Menschen- und ein Klangkörper, die in Zweisamkeit verschmelzen. Atemlos lauscht der Saal, dann brandet ekstatischer Jubel auf. Mon dieu!

Wie züchtig, wie wohlerzogen wirkt da der übrige Abend: Daniela Koch gibt Iberts Flötenkonzert virtuos als liebliches Divertissement, Dirigent Francesco Angelico, ein Sizilianer mit Faible fürs Französische, sorgt in Ravels „Tombeau de Couperin“ und „Ma mère l’oye“ für feine, pastellige Klangfarben und einen ruhig strömenden Musikfluss. Frederik Hanssen

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Denkstoff: Midoris Recital

im Kammermusiksaal

Schon an den vielen Geigenkoffern im Saal erkennt man’s: das kleine, eingeschworene Publikum, das Midori an einem Montagabend in den Kammermusiksaal holt, hat wenig mit dem Sensationspublikum gemein, das einst kam, das Wunderkind zu schauen. Diese Haut hat die noch immer kindhaft zierliche japanische Geigerin nämlich restlos abgestreift. Radikalität, Konsequenz und Intelligenz ihres heutigen Spiels sind, nun ja, sensationell. Angefangen mit dem Programm, das sich von Dvoraks bagatellhaften Romantischen Stücken über Brahms und George Crumb (geboren 1929) zu Beethovens „Kreutzer-Sonate“ vorarbeitet, welche sie quasi bis auf die Knochen auszieht und als reine Ideenmusik offenbart.

Den Klang unterzieht sie dabei gemeinsam mit dem Pianisten Özgür Aydin einer Metamorphose: Bei Dvorak ganz im Mittelpunkt stehend, gestaltet sie ihn mit idealer Balance aus höchster Expressivität und Simplizität des Gesanglichen, Volkstümlichen. Erste Störfaktoren setzt sie in Brahms’ G-Dur-Sonate mit eigenwilligen Akzenten, die gewohnte Bögen versetzen, im Mittelsatz zeitweise sogar ganz auflösen. George Crumbs Nocturnes markieren den Eintritt in eine Welt, wo Klang und Form nicht mehr zu trennen sind, so dass die komplette Loslösung von Klang und Ästhetik in Beethovens „Kreutzer-Sonate“ nur zu folgerichtig erscheint. Midori lässt Musik vom Genussmittel zum Denkstoff avancieren – und nimmt den Hörer dabei mit, Schritt für Schritt. Ihre Hingabe an Dvorak, ihre Versunkenheit in Crumb sowie ihre Absolutheit bei Beethoven – alles findet sich in Spannung und Konzentration des Publikums wieder. Barbara Eckle

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Klangrausch: Vesselina Kasarova

und The English Concert

Harry Bicket hat The English Concert gut getan. Nach einem Zwischenspiel von Andrew Manze, der als Geiger doch noch ein Stück interessanter ist denn als Orchesterleiter, hat der Cembalist das Ensemble zu dem kontrollierten, präzisen, transparenten Klang seines Gründers Trevor Pinnock zurückgeführt. Begleitung am Cembalo und Dirigieren, so können die Zuhörer im Konzerthaus beobachten, gehen bei ihm nahtlos ineinander über, wobei alle Impulse wie elektrisiert wirken.

Über die volle Länge von Haydns Sinfonie „Le Matin“ überträgt sich diese Spannung auf das Publikum. Und just dort, wo man den Gedanken wagt, dass der Klang auch etwas Spitzes und Bickets Präzision etwas Uhrwerkhaftes haben könnten, betritt Vesselina Kasarova das Podium. Sie trägt Hosen, ihre Haare sind zu einem kurzen Zopf gebunden – wohl um zu betonen, dass sie eine Kastratenrolle verkörpern wird. Ihre hoch emotionale Art, Händel-Arien zu singen, ist jedoch von allen ängstlichen Versuchen frei, sich der historischen Aufführungspraxis anzupassen.

Zu Recht, denn diesem herrlichen, vollkehligen, silbern bis altgold glänzenden und in der Tiefe mit männlicher Klarheit überraschenden Mezzo, dem sich das Ensemble sofort geschmeidig anpasst, muss man einfach alles glauben. Berauscht lauscht auch der Kritiker: Er weiß zwar, dass ihm am nächsten Morgen die Tatsache Kopfschmerzen bereiten wird, dass Kasarova der Wärme, Seele und Fülle ihres Tons viel zu oft die Klarheit der Vokale opfert, aber jetzt lässt er sich gerne ein O für ein A vormachen. Und er würde es wieder tun. Carsten Niemann

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