KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

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KLASSIK

Schillernde Höhen:

Christine Schäfer im Konzerthaus

Christine Schäfer ist eine mutige Frau. Vor einigen Jahren verließ sie ihr Label, die Deutsche Grammophon, weil man sie zu PR-Auftritten zwingen wollte, und produzierte kurz darauf eine kristalline, frostig-schöne „Winterreise“ in Eigenregie. Schäfer macht ihr Ding, auch auf der neuesten CD, wo sie Lieblingsarien frei zusammenstellt. Beim Liederabend im Konzerthaus geht das nicht ganz auf: Mozart und Schubert auf der einen Seite, Webern und Berg auf der anderen, das ist ein arg formalistisches Programm, dessen Klammer vor allem darin besteht, dass die Komponisten in Wien gelebt und gearbeitet haben. Aber auch das ist bald vergessen, wenn Schäfer die Lieder mit jenem silbrig-weißlichen Timbre singt, das in der Tiefe fast Sprechgesang gleicht und in der Höhe so furios zu schillern beginnt.

Was ihre Auftritte so anziehend macht: Dem bloßen Schöngesang hat sie sich schon immer verweigert, sie spürt der Verbindung von Wort und Ton nach, will wirklich Geschichten erzählen. So wird auch aus Goethes zertretenem Veilchen, das Mozart in KV 476 vertont hat, ein Minidrama. Ob im unglaublich lang ausgehaltenen „Nacht“ von Bergs Rilke-Vertonung „Traumgekrönt“ oder im schmerzvoll zerdehnten „i“ im „Ave Maria“ von Schubert: Kein Wort, kein Vokal ist ohne Charakter. Julien Salemkour, der Dirigent der „Arien“-CD, ist ihr dabei ein diskreter, aber trotzdem markanter Begleiter am Flügel. Bleibt nur eine Frage: Was hat sich Schäfer bei dem schwarz-weißen Kleid gedacht, dessen Stoffreste wie Schlingpflanzen von der Taille herabhängen? Mut kennt eben viele Formen. Udo Badelt

ROCK

Brennende Flüsse:

The Walkabouts im Lido

„Vor dieser Tournee hatten wir ein Gefühl wie bei einer Party, bei der man nicht weiß, ob überhaupt jemand kommt!“ Chris Eckman lacht in den ausverkauften Saal vom Lido. Alle sind gekommen, die alten Fans und Freunde, denen die Walkabouts in den letzten Jahren gefehlt haben, diese exquisite Americana-Band aus Seattle, von der man seit dem Album „Acetylene“ (2005) nichts mehr gehört hatte. Musikalisch und privat hatten sie sich zerstreut, hatten es unsinnig gefunden, nach mehr als 20 Jahren und 13 Platten immer noch weiterzumachen. Es sei denn, sie würden noch einmal beflügelt, etwas wirklich Herausragendes zu schaffen. Was ihnen nun trefflich gelungen ist mit dem Album „Travels In The Dustland“.

Auf der Bühne stehen sie jetzt mit neuer Energie und alter Leidenschaft. Schlagzeugerin Terri Moeller hämmert einen kräftigen Beat mit dem Bassisten Michael Wells. Chris Eckman sägt mit seiner alten Gretsch-Gitarre wie an einer Stahlskulptur von Neil Young. Kreischend, splitternd, Funken sprühend. Bis alles brennt. „Every River Will Burn“. Getragen vom balladenhaften Piano Glenn Slaters singt die zierliche Carla Torgerson im schwarz-weißen Sixties-Op-Art-Kleidchen mit bezaubernd unprätentiöser Altstimme Eckmans rätselhaft poetische Lyrics. „They Are Not Like Us“. Paul Austin, einziger Neuling, bringt von seiner alten Band The Willard Grant Conspiracy den leicht mürrischen Habitus mit und bereichert die staubig-trockenen Klanglandschaften mit zusätzlichen Stimmungen einer exotischen Hagstrom-Gitarre. Torgerson wechselt elektrische und akustische Gitarren und singt traumhaft. Eckman dreht sich um knallige Akkorde, springt in die Töne und zitiert Springsteens „State Trooper“ in seinem eigenen, heftig rockenden „Grand Theft Auto“. Tolle Wiedersehensparty. H. P. Daniels

KLASSIK

Kristallklare Kontraste: 

Henri Sigfridsson im Konzerthaus

Henri Sigfridsson ist ein ziemlich unprätentiöser Pianist. Umstandslos kommt er rein, setzt sich an den Steinway und legt sofort los – und wie! Vielleicht liegt es an der trockenen Akustik des Kleinen Saals im Konzerthaus, die den Tönen so gut wie keinen Nachhall gewährt, aber Sigfridssons Anschlag ist von unglaublicher Härte, um nicht zu sagen Brutalität. Expressive, schrille, hohe Töne sind seine Spezialität, selbst im Piano klingt es herb. Das muss nicht schlecht sein, aus Beethovens gewaltigen 33 Diabelli-Variationen meißelt er die Kontraste kristallklar heraus, hebt Strukturen hervor, verleiht jeder Variation eine charakteristische Farbe. Aber ein bisschen mehr cantabile dürfte es schon sein, der Flügel wirkt phasenweise wie ein wehrloses Wesen, ausgeliefert den Schlägen seines Peinigers. Nach der Pause geht es bruchlos weiter, schon die ersten Töne von Mussorgskis „Bilder einer Ausstellung“ scheppern in den Ohren, ein Spiel unter Hochdruck, das aber immer Raum lässt für poetische Augenblicke, vor allem in den Promenaden. Die Fingerfertigkeit des finnischen Pianisten, etwa im wuseligen „Marktplatz von Limoges“, ist phänomenal. Zu voller Blüte kommt sie am Schluss, in Balakirews Orientalischer Fantasie „Islamey“ – ein in jeder Hinsicht maßloses Virtuosenstück, das die traditionellen russischen Volksweisen ähnlich hemmungslos vergewaltigt wie Sigfridsson den Flügel. Die technischen Schwierigkeiten bewältigt er fast wie nebenbei. Dann der letzte Ton, Sigfridsson steht auf und ist auch schon verschwunden. Es geht eben nicht um ihn, sondern um die Musik. Udo Badelt

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