KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

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Traumband. Die Millibillies. Foto: Baltzer/Zenit Foto: David Baltzer/ZENIT
Traumband. Die Millibillies. Foto: Baltzer/ZenitFoto: David Baltzer/ZENIT

KLASSIK

Traumstunde: Rattles Philharmoniker mit Berio, Ravel, Mahler und Schubert

Ein Schatten liegt über Magdalena Koženás Stimme, er bringt die innere Glut ihres Mezzosoprans umso mehr zum Vorschein. „Ich bin der Welt abhandengekommen“, das letzte der fünf Rückert-Lieder von Mahler, wird zur Keimzelle des Abends, an dem Kožená, Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker ins Nirgendwoland aufbrechen, ins Reich der Utopien, fern allen „Weltgetümmels“, wie es bei Mahler heißt. Kožená kann einzelne Töne erbleichen lassen, sie mit einem Hauch von Totenstarre überziehen und ihren Gesang im nächsten Moment mit Erotik ausstatten, mittels minutiös verfeinertem Vibrato wie in Ravels „Shéhérazade“. Eyes wide shut: Kožená traumwandelt durch Tausendundeine Nacht, die Musiker, vor allem Andreas Blaus Flöte, gesellen sich ihr bei, auch wenn man sich bei aller Sensitivität etwas mehr Zurückhaltung gewünscht hätte, was die Lautstärke des Orchesters betrifft.

„Luciano Berio war ein alter Kommunist“, hatte Rattle dem Publikum in der ausverkauften Philharmonie anfangs erklärt, „und Mstislaw Rostropowitsch ein alter Realist“. Die Uraufführung von Berios „Ritorno degli snovidenia“ (Rückkehr der Träume) bestritt der aus der Sowjetunion expatriierte Cellist 1977 mit dem Kammerorchester Basel: ein Versuch über verlorene politische Ideale und Illusionen, den die Orchester-Akademie und Philharmoniker-Cellist Olaf Maninger erstmals in Berlin zu Gehör bringen. Suchbewegungen, Irrläufe, Annäherungen, Verstörungen, Bangigkeiten – und versprengte Reste von Revolutionspathos: ein flirrendes Werk, das sich zu einem Blechbläserklangmonolith verdichtet, bevor es sich wieder atomisiert. Hier fremdelt jeder mit jedem.

Schuberts „Unvollendete“ schließlich spinnt die Fäden von Mahlers letztem Rückert-Lied weiter. Unendlich fahl der Einsatz der Kontrabässe, das berühmte Seitenthema der Celli weht aus dem Nichts heran, und noch im zweiten Satz greift Andreas Ottensamers Soloklarinette den zauberhaft introvertierten Ton auf, den Koženás Gesang vorgab. Selbst die jähen Forteeinwürfe können der Jenseitsmusik nichts anhaben, sie bleibt jedem Zugriff entrückt. Berio, Ravel, Mahler, Schubert – ein klug komponierter programmatischer Abend über die Macht der Träume und die Ohnmacht des Träumers. Christiane Peitz

KLASSIK

Pfefferkuchen: Die Akademie

für alte Musik im Konzerthaus

Prinz Heinrich soll sich nach einer Geburtstagsfeier Friedrichs II. über die zu scharf gewürzten Speisen beklagt haben. Insofern hat das „Ständchen für den Alten Fritz“, das die Akademie für Alte Musik Berlin dem Jubilar im Konzerthaus gibt, etwas Authentisches. Es ist völlig verpfeffert (kleiner Saal, noch einmal heute, 20 Uhr).

Dabei hat alles so gut begonnen: Wie eine Filmmusik wirkt der erste Satz der D- Dur-Sinfonie von Johann Gottlieb Graun: Schlachtenlärm mit Trompetenschall und stürmenden Unisoni, denen plötzlich ein Schwenk zum seufzerbeladenen Seitenthema folgt, das den flötenspielenden Heerführer beim täglichen Üben im Kommandozelt zu zeigen scheint. Doch diese subtileren Stimmungswechsel, oft an das Auftreten der Traversflöten gebunden, bleiben die Ausnahme. Letztlich trauen die Musiker den Meistern aus Friedrichs Hofkapelle nicht über den Weg und versuchen, ihre Kompositionen mit einer spitzen, oft peitschenden Energie künstlich aufzuladen.

Das aber funktioniert selbst in Carl Philipp Emanuel Bachs experimentellem Cembalokonzert c-Moll Wq 31 nicht, wo knallende Hörner und ruppige Spiccati das preußischblaue Cembalo Raphael Alpermanns zum Klimperkasten im Hintergrund degradieren.

Genauso unglücklich, wie die Schlacht bei Kunersdorf für den Preußenkönig ausging, ergeht es Midori Seiler bei Franz Bendas B-Dur-Violinkonzert: Fixiert darauf, feurig zu klingen und das redende Prinzip des Barock beweisen zu müssen, vergessen die Musiker den Gesang, während die Geigensolistin geradezu überrascht wirkt von den wahnwitzigen Tremoli, Arpeggien und Spitzentönen, die der technisch wie musikalisch völlig unterschätzte Benda mitten in der Kantilene für sie bereit hält. Carsten Niemann

THEATER

Bratkartoffeln: „Die fabelhaften Millibillies“ im Grips-Theater

Etwas so Wichtiges wie die Erziehung darf man nicht allein den Eltern überlassen. Oder der Schule. Da sind Instanzen gefragt, auf die der Nachwuchs auch mal hört. Sagen wir ruhig: Theater. Wenn also seit Generationen in Berlin wohlgeratene Kinder heranwachsen, die das Leben der Bäume wertschätzen, sich gegenseitig Mut zusprechen, auf’s Fernsehen pfeifen, niemanden nach dem Äußeren beurteilen, daran glauben, dass keiner doof geboren wird und immer „Wir werden immer größer!“ singen – dann ist das nicht pädagogischen Superhirnen zu verdanken, sondern dem Grips-Theater.

Weil hier Geschichten schon immer so erzählt wurden, dass Schlauerwerden Spaß machte. Und natürlich, weil die Moral mit Gesang daherkam. In Form der famosen Songtexte, die Volker Ludwig als legitimer Erbe von Wilhelm Busch und Erich Kästner zur Musik des kongenialen Birger Heymann zu dichten pflegt. Ludwigs Lieder besitzen solche Evergreen-Qualitäten, dass noch das trübste Thema mitreißt. Wir sprechen hier immerhin über jemanden, der sogar aus Bratkartoffeln Kunst machen kann: „Bratkartante fehl’n die Worte, nachmittags gibt’s Bratkartorte / Morgens gibt es Bratkartoast, seid ihr noch bei Bratkartrost?“

Eine schöne Idee des neuen Grips-Leiters Stefan Fischer-Fels, sich vor der musikalischen Erfolgsgeschichte des Hauses mit einer Art Best-of-Konzert zu verbeugen. „Die fabelhaften Millibillies“ heißt das Stück für Menschen ab 5, das Regisseurin Franziska Steiof eingerichtet hat. Die titelgebenden Millibillies sind eine Band, bestehend aus Thomas „Tom“ Ahrens als Gitarrist, George „Commander“ Kranz am Schlagzeug und Robert „Professor Bob“ Neumann am Keyboard. Die junge Emilia, gespielt von der tollen Jennifer Breitrück, fantasiert sich die Gruppe im Traum herbei. Und springt gleich beherzt als Sängerin ein, so viel Rahmenhandlung muss sein. Ihr Team wird von Klassenkamerad Tobias komplettiert, den Jens Mondalski gibt, praktischerweise auch geübter Bassist.

Gemeinsam rocken sich die Kinder durch das Hitrepertoire, das in kaum einer Berliner Kita fehlt: „Trau’ dich“ aus dem Stück „Mensch Mädchen“, „Doof gebor’n ist keiner“ aus „Doof bleibt doof“, „Mattscheiben-Milli“ und so fort. Verbunden durch charmante Spielszenen, die mit dem jeweiligen Songthema zu tun haben, einem Dialog über Fernsehgewohnheiten zum Beispiel („Meine Mama sagt, Fernsehen macht dumm, dick und hässlich!“), oder einer gemeinsamen Wutprobe vorm Ärgerlied „Manchmal hab’ ich Wut“. So ist das Ganze keine bloße Nummernrevue.

Die bestens eingespielte „Millibillies“- Band kam 2010 bei einem Konzert für Kinder in der Bar 25 zusammen und ist seitdem öfter aufgetreten. Für das „Millibillies“-Stück haben die Musiker ihr Repertoire um einen neuen Song ergänzt. „Ich träum’ so gern“, der Text stammt von Volker Ludwig: „Wer träumt, der hat es gut, ich fliege in der Welt herum und spuck’ euch auf den Hut.“ Patrick Wildermann

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