KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

Magdalena Ulrich
Selbstbewusst. Georgina (Valeria Eisenbart) nennt sich George. Foto: Constantin
Selbstbewusst. Georgina (Valeria Eisenbart) nennt sich George. Foto: Constantin

FILM

Alles ohne Facebook:

„Fünf Freunde“ von Mike Marzuk

Kein Handyempfang auf der Felseninsel, erklärt Quentin seiner Tochter George. Statt eines Anrufs gibt er Lichtzeichen vom Leuchtturm aus, täglich um 18 Uhr. George steht am Festland und wartet angespannt auf das Signal, denn ihr Vater ist in Gefahr.

Der Film nach Enid Blytons Kinderbuchklassiker „Fünf Freunde“ (in 22 Berliner Kinos) versetzt die Geschichten mehrerer Bände, die im Nachkriegsengland spielen, in die Gegenwart, ohne sich sich trendig anzubiedern. Die Freunde erleben Abenteuer im Freien, Freundschaft ohne Facebook und jagen mutig Bösewichte, die sich mit Funkgeräten statt mit Handys verständigen. Julian, Dick und Anne verbringen ihre Ferien auf dem Land bei ihrer Cousine George, die eigentlich Georgina heißt, doch lieber ein Junge sein will (großartig mit sanfter Melancholie in den Augen von Valeria Eisenbart gespielt). George empfängt ihre Besucher vorpubertär widerspenstig, verkriecht sich tief in ihren Kapuzenpullover und sverkündet stolz: „Ich brauche keine Freunde!“ Erst als ihr Hund Timmy von Julian, Dick und Anne aus einer Felsspalte in einer Höhle gerettet wird, bricht das Eis.

In der Höhle kommen sie bald Verbrechern auf die Spur, die es auf den Wissenschafter-Vater (Michael Fitz) abgesehen haben. Sie wollen ihm die Ergebnisse seines Forschungsprojekts – es geht um eine revolutionäre Energiegewinnungsmethode – abjagen. So werden die fünf Helden Zeuge eines mysteriösen Funkspruchs, sie entdecken Landkarten und ein Notizbuch. Die Kinder verständigen die Polizei und Georges Mutter Fanny. Doch, typisch für Blytons Geschichten, will den Kindern niemand glauben. Also müssen sie den Fall selbst in die Hand nehmen.

Enid Blytons Kinderfiguren leben in einer Gegenwelt zur autoritären Erziehung der vierziger und fünfziger Jahre. Schade, dass die Story trotz einzelner Actionszenen ziemlich brav erzählt bleibt. Hinzu kommt, dass in einer Zeit, in der viele Väter Elternzeit nehmen und Kinder liberaler erzogen werden, die Freiheit der fünf Freunde an Exotik verloren hat. Immerhin: Mit ihren eckigen Kunststoffbrillen zitieren Quentin und seine Frau Fanny die Nachkriegszeit der Blyton-Bücher und sind gleichzeitig zeitgemäß urban.Magdalena Ulrich

PERFORMANCE

Alles Psycho: „Never Mind“

in den Sophiensälen

Die Realität spielt sich im Kopf ab. Deswegen fasziniert das menschliche Gehirn nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Künstler. Als Neuro-Performance wird die Produktion „Never Mind“ angekündigt, die aus Mitteln der Schering Stiftung gefördert wurde. Die Choreografin Sommer Ulrickson und der Molekularbiologe Giovanni Frazzetto widmen den ersten Teil des Abends dem neurologischen Syndrom „Capgras“. Patienten, die an dieser seltenen Störung leiden, erkennen zwar Gesichter, können diese jedoch nicht mit den dazugehörigen Emotionen verbinden. Bei der präsentierten Fallgeschichte hält Mara ihren Mann plötzlich für ein beängstigendes Double – was auch ihn in eine Identitätskrise stürzt. In „Never Mind“ tritt die junge Frau gleich doppelt auf, um die Gespaltenheit der Figur deutlich zu machen. Anekdotische Spielszenen, Tanznummern, Shakespearesches Narrentheater wechseln ab mit Auftritten von Sommer Ulrickson als Nurse, die dem Publikum das Krankheitsbild erklärt. Die Aufführung gibt sich betont munter und kapriziert sich vor allem auf die kuriosen Aspekte der Erkrankung. Wie hier ein bizarres Phänomen umtänzelt wird, nervt schon mal.

Amüsanter und auch kritischer ist die kleine Revue „Songs, Scenes and Syndromes“. Ulrickson hat sich durch die neueste Version des „Diagnostischen und Statistischen Handbuchs Psychischer Störungen“ gekämpft, das 400 Störungen auflistet, darunter ganz neue wie die „verlängerte Trauerstörung“ oder die Kotzphobie. Warum, fragt die Regisseurin, wird derzeit eine deutliche Zunahme von psychische Störungen festgestellt? Wird heute jede Abweichung gleich pathologisiert?

Die Auswertung eines Fragebogens, den die Zuschauer in der Pause ausgefüllt haben, ergab folgenden Befund: 29,2 Prozent litten an einer generellen Angststörung, 21,3 Prozent an einer Depression, und 18,4 Prozent unter Burnout. Kein Grund zur Sorge, finden jedenfalls die Darsteller und trällern mehrstimmig den Song „Mad World“ (wieder am 28.1. und 29.1., 20 Uhr). Sandra Luzina

0 Kommentare

Neuester Kommentar