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KLASSIK

Hell: Pietari Inkinen mit der

Staatskapelle in der Philharmonie

Finnische Musik, interpretiert von einem fantasiebegabten jungen Finnen: Das ist ein Erlebnis, mit dem die Staatskapelle Berlin in der Philharmonie aufwartet. Pietari Inkinen dirigiert die Fünfte in Es-Dur von Jean Sibelius, kein unbekanntes Werk, denn ein früher Advokat des nordischen Symphonikers war Herbert von Karajan. Die Entdeckung besteht darin, dass Inkinen die selten gespielte Partitur in ein lichtes Gewand kleidet. Der Zauber der Melodie Finnlands entfaltet sich in fragmentarischen Motiven aus der Exposition, Hörner und Trompeten erwachen, es folgt ein Fagottsolo über murmelnden Streichern, die klingen wie ein Flirren in der Luft. Es ist ein Hymnus auf die Landschaft, und doch zeigt sich in der hellen Durchsichtigkeit, die Inkinen der Musik sichert bis zu dem unvergleichlichen Hörnerthema im Finale, dass die Komposition aus relativ schlichten Motiven gefügt ist. Wie Inkinen sie zusammenführt, entsteht ein Bild von dichter Einfachheit.

Der Hörnersymphonie des Finnen steht das Divertimento für Streicher von dem Ungarn Bartók emotional nicht so fern. Auch hier Klarheit flüssiger Themen, von Volksweisen inspiriert. Die Stimmführer als Solisten, Violinkadenz, Ausbrüche messerscharf: In den spielerischen Kontrasten findet der Musiker Inkinen seine Zwischentöne. Die Geigerin Hilary Hahn sorgt im finnisch-ungarischen Rahmen für das Mozart-Intermezzo. Nachdem sie schon zum Saisonschluss mit dem DSO das A-Dur-Konzert gespielt hat, wendet sie sich nun dem D-Dur-Konzert KV 218 zu. Auch hier noch eher brav als draufgängerisch, violinistisch sehr gekonnt, zierliche Virtuosität unbeirrtSybill Mahlke

ROCK

Fett:

Rich Robinson im Postbahnhof

Die langen Haare am Hinterkopf zum Knopf geknüpft steht der bärtige Rich Robinson im Kapuzenhemd mit einer Gretsch-Gitarre auf der kleinsten Bühne des Postbahnhofs und spielt mit formidabler Band vor ein paar Dutzend Leuten: „We’ll play some songs for you!“ Intime Atmosphäre, fast wie früher im Übungsraum in Georgia.

Einst hatte Rich Robinson mit seinem Bruder Chris die Black Crowes gegründet. Mit ihrer kruden Mischung aus Stones, Rabaukentum und südstaatlicher Wurzeligkeit schafften die es in den Neunzigern auf die ganz großen Konzertbühnen. Haben sie sich aufgelöst oder nur eine Pause eingelegt? Rich Robinson wollte nicht untätig bleiben und hat jetzt sein zweites Soloalbum veröffentlicht: „Through A Crooked Sun“. Der Klang im Konzert ist roh und schmutzig. Überhaupt gibt es viele Sechziger- und Siebziger-Jahre-Rückblicke. Und die Gitarren von Robinson immer ganz vorne: Gretsch, Fender Stratocaster, Gibson SG. Sumpfig, verzerrt. Blues und Bottleneck. Soloimprovisationen. Folk-Feeling. Knurriger Boogie. Schwirrende Balladen. Als Sänger ist Rich eher dünn. Also doch lieber wieder die fetten Gitarren nach vorne. „Wer könnte Neil Young nicht mögen?“ fragt Robinson und freut sich über einen guten Abend. H.P. Daniels

CLUB TRANSMEDIALE

Leise:

Eliane Radigue Im HAU 1

Die Eröffnungskonzerte des Festivals Club Transmediale waren zuletzt immer Spektakel. Pioniere der elektronischen Musik wie Pierre Henry oder Morton Subotnick konnte man da sehen, die demonstrierten, wo die wahren Wurzeln der Generation Techno liegen. Auch Eliane Radigue, die in diesem Jahr den CTM einleitet, ist eine legendäre Gestalt der elektronischen Klangforschung. Berühmt wurde sie in den Siebzigern mit Kompositionen für ihr damaliges Lieblingsinstrument, den modularen Synthesizer Arp 2500. Mit diesem definierte sie den Minimalismus neu: Man hörte einem Sinuston beim An- und Abschwellen zu und das eine Stunde lang, was, auch wenn es kaum zu glauben ist, ein faszinierendes Hörerlebnis sein kann.

Seit ein paar Jahren komponiert die inzwischen 80-jährige Radigue nur noch für akustische Instrumente, das Prinzip des radikalen Minimalismus bleibt dennoch erhalten. Und so beginnt das Berliner Festival für seltsame und schräge Musik, leise und kontemplativ. Radigues dreiteiliger Zyklus „Naldjorlak“ steht auf demProgramm. Zuerst führt der Cellist Charles Curtis eine Meditation auf seinem Instrument auf, dann modulieren Carol Robinson und Bruno Martinez auf dem selten zu hörenden Bassetthorn einen einzigen Ton samt kaum wahrzunehmender Untertöne, die sich im Hau 1 verfangen. Zum Schluss treten alle drei gemeinsam auf, um dem Publikum, das so lange durchgehalten hat, die letzte Konzentration abzuverlangen. Jedes Rutschen auf dem Theatersessel, jeder Huster stört bei diesem Konzert, bei dem manchmal das Rauschen des eigenen Blutes lauter ist als die Musik. Andreas Hartmann

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