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JAZZ

Mit Biss: „Jubilee Night“ zum ACT-Geburtstag im Konzerthaus

Wenn neun Bandleader zum ersten Mal einen Abend lang zusammen musizieren, ein Geburtstagsständchen zumal, dann kann ihr All-Star-Sound außergewöhnlich brav ausfallen oder sich in ein Fegefeuer der Eitelkeiten verwandeln. Von beidem findet sich keine Spur bei der „Jubilee Night“ zum 20-jährigen Bestehen von ACT im Kammermusiksaal. Unter der Leitung von Nils Landgren stehen neun von 20 Exklusivkünstlern des Münchner Jazzlabels auf der Bühne, in wechselnden Konstellationen, um dem Publikum einen „geschmackvollen Topf“ zu bereiten. Viel Umrühren muss ihn Landgren mit seiner roten Posaune nicht: Die einzelnen Klangzutaten haben ein klares Eigenaroma, dazu knackigen Biss und gehen mit Leidenschaft kulinarische Allianzen ein. „Jazz“, sagt Labelchef Siggi Loch, „ist die Musik des Showbusiness“. Und eine gute Show zielt nie nur auf den Kopf.

Allein wie sich Leszek Mozdzer und Michael Wollny, Lackschuh und Sneaker, um einen Klavierhocker herum gegenseitig Steinway und Fender Rhodes zuspielen, Energie scheinbar grenzenlos zwischen Fingern und Tasten wandern lassen, ohne jemals das eigene Timbre einzubüßen: Das ist hohe Kunst, feine Unterhaltung und gelebte Kollegialität zugleich. Angetrieben vom unermüdlichen Atmosphärezauberer Lars Danielsson am Bass spielt Nguyen Le einen aberwitzig raffinierten Jimi Hendrix mit „Purple Haze“. Celine Bonachina, zierlicher Neuzugang in der ACT-Familie, schmaucht mit ihrem Baritonsaxofon durch den „Zig Zag Blues“. Eine zarte Verbeugung von dem 2008 tödlich verunglückten Kollegen Esbjörn Svensson beschließt einen Abend, der nie satt macht, aber glücklich. Nächste Woche geht die Feier in kleinerem Rahmen weiter (Act-Club-Tour, 7.-11.2., A-Trane). Ulrich Amling

ELEKTRO

Recht auf Rausch:

Mohn im HAU 1

Es rauscht, blubbert, dampft und fließt pausenlos. Willkommen in der Welt von Mohn, dem neuen Duoprojekt der Doyens des Kölner Minimal-Technos, Jörg Burger und Wolfgang Voigt, die einst den sogenannten „Sound of Cologne“ entwarfen. Schon in den Neunzigern arbeiteten sie zusammen, nannten sich Burger/Ink und veröffentlichten Minimaltechno, bei dem die Bassdrum eher perlte als wummste. Die Bassdrum ist bei Mohn verschwunden, stattdessen werden mächtige, durchaus kitschige und überwältigende Klangtapeten ausgerollt, die die Kölner „Popambient“ nennen. Konzentriert und bewegungslos stehen Burger und Voigt hinter ihren Laptops, während auf die Leinwand hinter ihnen bunte Visuals projiziert werden. Aus der Pflanze Mohn kann man Opiate gewinnen, auch das Kölner Duo versucht, einen Rausch aus Farben und Tönen zu erzeugen.

Wer von Burger und Voigt einen erneuten musikalischen Schritt nach vorne erwartet, wird enttäuscht sein. Es handelt sich eher um klassisches Ambient. Doch wie das Duo das macht – dass man sich in seinem Sessel im HAU 1 berauschen lässt und gar nicht mehr aufstehen möchte –, ist faszinierend genug. Burger und Voigt erinnern in ihrer Bewegungslosigkeit und ihrem Unisex-Look an das Mensch-Maschinen-Konzept von Kraftwerk. Beide sehen aus wie bei der Kommunion in ihren weißen Hemden und schwarzen Hosen. Nur geht es nicht ganz so streng zu wie bei Kraftwerk. Als sich die beiden am Ende ihres Auftritts kurz vor dem Publikum verneigen, irritiert es dass ihre Hemden über den Hosen flattern. Andreas Hartmann

KLASSIK

Hart oder zart:

Sol Gabetta im Konzerthaus

Sol Gabetta ist keine Frau des einfachen Geschmacks. Wie ein Startschuss erklingt der Es-Dur-Akkord, der Beethovens Variationen über das Duett „Bei Männern, welche Liebe fühlen“ aus Mozarts Zauberflöte eröffnet. Schon das unschuldige Thema durchsetzt die energetische Argentinierin mit aggressiven Akzenten und etabliert das Hell-Dunkel- Schema, das den Abend im Konzerthaus dominiert. Es gibt nur hart oder zart. Keine Schattierungen, keine Übergänge, nur abrupte Wechsel. Und der Pianist Henri Sigfridsson tut es ihr gleich – was bleibt ihm auch anderes übrig? Besonders schwer nachvollziehbar ist dieses Schwarz-Weiß-Konzept in Beethovens A-Dur Sonate für Klavier und Violoncello op. 68. Auch hier kann sie der Linie nichts abgewinnen. Gewiss sind Brüche vorhanden, doch um Form zu hinterfragen muss sie erst einmal vorhanden sein. So wartet man in jedem lyrischen Moment bang auf den nächsten Umschlag, wie auf den Wecker, der einen morgens aus dem Bett reißt. Oft spielt Sol Gabetta wunderschöne Piani, meist nur ein kurzer Traum.

Weniger verfehlt erscheint ihre überbordende Energie in Mendelssohns D-Dur Sonate op. 58, die vor stürmischer Leidenschaft nur so strotzt. Allerdings verschüttet Gabetta erdbebenartig den Bachschen Unterbau dieser Musik. Beim abschließenden Bravourstück „Fantaisie sur deux Airs Russes“ von Adrien-François Servais, dem „Paganini des Cellos“, kommt dafür ihre größte Qualität gebührend zum Ausdruck: brillante, uneingeschränkte Virtuosität in jedem Register, jeder Lage, jeder Dynamik. Barbara Eckle

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