KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

Tomasz Kurianowicz
Sehnsucht. Mark (Christoph Franken) und Haroon (Atta Yaqub). Foto: Missing Films
Sehnsucht. Mark (Christoph Franken) und Haroon (Atta Yaqub). Foto: Missing Films

KLASSIK

Kettensprenger: Barbara Hendricks

beim Orchester der Komischen Oper

Kann ein Selbstmord wie eine Neugeburt sein? In der berührenden, aufopferungsvollen Kleopatra-Kantate von Berlioz lautet die Antwort: Ja. Mehr noch! Wenn die Sopranistin Barbara Hendricks sich in die geschlagene, um Würde ringende Kleopatra hineinfühlt, erkennt man in der Verzweiflung sogar den Reststaub betörender Verführung. Hendricks, die seit nun mehr als vierzig Jahren auf der Bühne steht, wirkt beim 4. Sinfoniekonzert in der Komischen Oper wie ein auf die Erde gefallener Stern: Ihre Stimme glüht und glänzt wie ihr rotes Paillettenkleid. Auch Mozarts Arie „Basta, vincesti“ weiß die Sängerin mit Feingefühl zu betonen, so dass man glaubt, Amors Pfeil im Opernsaal aufblitzen zu sehen: „Sieh, Undankbarer, wie ich dich noch immer liebe!“ Die Afroamerikanerin mit schwedischem Pass, die sich unermüdlich für Flüchtlinge einsetzt, beweist aber erst in der Zugabe die volle Wirkungsmacht ihrer Koloraturen: Während das Gospel-Stück „Oh My Lord“ erklingt, scheinen für einen kurzen Moment alle Ketten der Welt zu zerspringen. Umwerfend!

Der zweite Teil des Abends gehört dann ganz dem Orchester der Komischen Oper. Der quickfidele Chefdirigent Patrick Lange gibt sich energetisch, wenn er Brahms’ Vierte Sinfonie kraftvoll durch die Lüfte schmettert. Und dann passiert die große Überraschung: Als die Bläser im vierten Satz die Lungenkraft auf Maximum stellen, beginnt der Boden zu vibrieren: Das hätte selbst Beethoven sprachlos gemacht. Tomasz Kurianowicz

THEATER

Bürotiger: „Warteraum Zukunft“

im Ballhaus Ost

Arbeit ist auch keine Lösung. Das steht unterm Strich in Oliver Klucks „Warteraum Zukunft“, einem Stück, das von den neuen Leiden des jungen D. erzählt. Daniel ist Ende 20 und Ingenieur, die Jahre der unbezahlten Praktika und der Promotion liegen hinter ihm, jetzt soll die Ernte in Form von krisenfester Selbstverwirklichung im Beruf eingeholt werden. Aber stattdessen findet sich der abhängig Beschäftigte bloß in der Endlosschleife aus täglicher Fron-Fahrt zur Arbeit und langem Warten auf den Feierabend wieder. Und als endlich die Beförderung winkt, ist es die Leitung der Sparte „Engineering“ in Rumänien.

Mit „Warteraum Zukunft“ hat Oliver Kluck 2010 den Kleistförderpreis gewonnen, die Job-und-Hopp-Groteske ist viel gespielt worden. Jetzt bringt Regisseurin Marie Bues den Text im Ballhaus Ost auf die Bühne (wieder am 5., 7., 8.2., 20 Uhr). Bues ist wie Kluck Jahrgang 1980 und fühlt sich den beschriebenen Nöten der Generation Aussichtslos vermutlich schon von daher verbunden. Die Bühne von Indra Nauck besteht aus einem Wasserspender-Rondell, einem ewigen Pausenraum für Sinndürstende, in dem sich die Spieler Katharina Behrens und Matthias Lier die Gedankenritte durchs Nirvana der Beziehungslosigkeit im Großraumbüro teilen: Kluck schreibt im Gestus zynisch, im Herzen hochmoralisch. Die Beteiligten jagen durch die Entfremdungs-Erzählung, was anfangs gut aufgeht, und immer wieder lassen sie dabei Klucks bös-pointierte Sentenzen funkeln. Mit der Zeit allerdings geraten sie in den Leerlauf, weil die Tonlage immer gleich bleibt. Auch das Theater kann ein Hamsterrad sein. Patrick Wildermann

FILM

Zufallsfreunde: „Fernes Land“

von Kanwal Sethi

Eine Gruppe, singend, am Lagerfeuer, dessen Funken in den schwarzen Nachthimmel aufsteigen. Ein Mann klampft dazu auf der Gitarre. Auf einer Bank abseits zwei, die nicht dazugehören: der eine noch nicht, der andere vielleicht nicht mehr. Haroon (Atta Yaqub), ohne Aufenthaltserlaubnis in Deutschland, träumt vom eigenen Friseursalon. Und der behäbige Mark (Christoph Franken) hat Sehnsucht nach Japan.

Es ist ein Unfall, der den Pakistani und den Deutschen in Kanwal Sethis Spielfilmdebüt „Fernes Land“ zusammenführt. In Gedanken an seine bürgerliche Lebenskrise versunken, fährt Mark den Fußgänger Haroon an. Mit der Einwilligung, Haroon zu helfen, aber keinen Krankenwagen zu rufen, beginnt eine gemeinsame Reise, die aus den Zufallsfremden Freunde macht. Das Gefühl, des Fremdseins, das am Lagerfeuer aufkommt, wird leichter zu ertragen: Zumindest einander sind sie nicht mehr fremd. Nachts treiben sie durch Leipzig, um Haroon Geld für einen Pass zu beschaffen – zwei, die eine Unruhe und Sehnsucht nach Heimat verbindet.

Christoph Franken spielt den Versicherungsangestellten Mark mit imponierender – und manchmal schmerzhafter – Verletzlichkeit. Fasziniert taucht er in Haroons Parallelgesellschaft ein, wird mutiger und löst sich aus Zwängen. Atta Yaqub gibt Haroon dagegen als Getriebenen, der nur noch verbissen durchhalten will, verzweifelt und ungestüm. Der Film fasst diese Spannung in starke Bilder: Die Reizüberflutung etwa im asiatischen Großhandelscenter, die Farbenpracht der Papierblumen, Schreine und Gewürze überwältigt, ohne laut zu sein.

Klischees? Fehlanzeige. „Fernes Land“ führt bloß Welten zusammen, die sich ähnlicher sind, als zu vermuten wäre. Schließlich hat man immer die Wahl: zu Hause zu bleiben oder einen Schritt zu wagen, der auch Angst macht. „Fernes Land" erzählt von denen, die diesen Schritt gehen (zu sehen in den Kinos Acud und Sputnik). Annika Brockschmidt

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