KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

von

KLASSIK

Apokalypse mit Schostakowitsch:

Johannes Moser beim RSB

Das Casting für diesen Abend, obschon wahrscheinlich wie sonst von Zufällen bestimmt, darf man „plötzlich politisch“ nennen. Denn auch wenn Vassily Sinaisky, der das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin in der Philharmonie routiniert anleitet, regelmäßig in Europa, Japan und Amerika gastiert, so nimmt er doch im heimischen russischen Musikleben eine exponierte Stellung ein, als Chefdirigent des Bolschoi-Theaters und Professor für Dirigieren in St. Petersburg, ehemals Leningrad. 70 Jahre ist es her, dass dieses Leningrad von der Wehrmacht eingeschlossen wurde; schon im Frühjahr 1942 verhungerten Hunderttausende. Und nur Werke von Schostakowitsch werden nun gespielt, der wie kein anderer Klage und Schmerz über den Krieg und seine Folgen in die Musik getragen hat.

Das erste Cellokonzert macht den Anfang, mit Johannes Moser als Solisten, der den durch aggressive Repetitionen geradezu blockierten Part mit Ingrimm heruntersäbelt und als Zugabe eine Sarabande von Bach spielt, wohl eher: anritzt – und dabei in seiner Abwehr gegenüber dem großen Atem und der großen Phrase, auch nur der Rundung einzelner Töne, auf eigentümliche Weise bannt.

Schostakowitschs achte Sinfonie von 1943 danach, seit je als Rück- und Seitenblick auf Krieg und stalinistische Diktatur verstanden, dehnt sich auf über eine Stunde aus und zieht trotzdem rasch vorüber. Das an diesem Abend überaus jung besetzte RSB lässt mit ohrenbetäubenden Klangauftürmungen ein ganzes Weltuntergangsszenario hören: die Piccoloflöte zwischen Zwitschern und Alarmton, bellende Kontrabässe über Bratschen mit zornig gehämmerten Tonbändern, am Ende das Flirren einer zukünftigen Zeit. In der Musik, hat Schostakowitsch gesagt, könne man allen Umgekommenen ein Denkmal setzen. Christiane Tewinkel

KLASSIK

Tai-Chi mit Wagner:

Yingdi Sun im Konzerthaus

Wie von einem Drachen ausgespien schießt der mächtige rote Blumenstrauß aus der Bühne des kleinen Konzerthaus- saals hervor. Dahinter sitzt Yingdi Sun am Flügel und spielt Liszt. Mächtig energetisch ist sein Spiel – und wirkt im Vergleich zu der flammenden Deko doch kühl. Im Forte und Fortissimo zelebriert der 1980 geborene Chinese nämlich gerne eine metallene Härte. Man kann das für eine Masche halten: Zwar galt schon Liszt als Klavierzertrümmerer, doch waren die Instrumente seiner Zeit noch viel leichter gebaut. Und in jedem Fall müssen bei einem solchen Ansatz die orchestralen Klangfarben unterbelichtet bleiben.

Was mit diesem Interpretationsansatz teilweise versöhnt und auch verstehen lässt, warum Yingdi Sun den Liszt-Klavierwettbewerb gewann, sind zum einen die präzise abgeschatteten Pianoeffekte, mit denen der Pianist blitzschnell berührende Kontraste zu seiner Spielwut schafft. Und dann ist da noch seine Kantilene, die sich mit einem gelassenen Ausdruck, der ohne jede falsche Gefühligkeit auskommt, aus klar gesetzten Einzeltönen entfaltet. Zusammen mit einer fast gelangweilten technischen Souveränität (die es ihm erlaubt, zwischen den heikelsten Stellen immer wieder die modische Brille zurechtzurücken) genügen dem Pianisten diese einfachen Kontraste und Grundspannungen, um die h-moll-Sonate mit größter Klarheit zu erzählen. Und wenn Yingdi Sun den Hymnus in Liszts Bearbeitung der Tannhäuser-Ouvertüre mit so unauftrumpfender Ruhe singt, als käme Wagner gerade vom Tai-Chi, dann ist auch das kein kulturelles Missverständnis, sondern ein Gewinn. Carsten Niemann

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben