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KLASSIK

Symbiotisch: David Afkham und Martin Helmchen beim DSO

Doppeltes Glück für den Debütanten: Im zarten Dirigentenalter von 28 Jahren ist David Afkham vom Deutschen Symphonie-Orchester eingeladen worden – und schon zur Generalprobe hat er ein volles Haus. Am Sonntag nämlich, im großen Saal des RBB, beim 39. Kulturradio-Kinderkonzert. Seit vier Jahren veranstaltet der Sender seine Matineen gemeinsam mit dem DSO, ein echtes Mehrgenerationenprojekt. Jüngster (und mitteilungsfreudigster) Zuhörer ist diesmal der kaum einjährige Stammhalter von Micha Afkham, dem Bruder des Dirigenten, der als Bratscher bei den Berliner Philharmonikern spielt. Unangenehm fallen dagegen die vielen Besucher ohne Kinderbegleitung auf, die dem Nachwuchs die extrem subventionierten Tickets wegschnappen. „Wir entdecken eine Sinfonie“ lautet das heutige Motto, es geht um Johannes Brahms Dritte: wahrlich kein üblicher Kinderkonzertstoff. Doch wenn Moderator Christian Schruff die Sätze der Sinfonie mit den Kapiteln eines Buches vergleicht und die Themen mit Charakteren, die im Laufe einer Geschichte Veränderungen durchmachen, dann wird das Prinzip der „absoluten Musik“ auch Grundschülern verständlich.

Animiert von Afkhams leidenschaftlichem Dirigierstil, gelingt es dem DSO auf bewundernswerte Weise, selbst bei den kürzesten Partiturbeispielen emotional sofort auf den Punkt zu kommen. Ganz Gefühl ist der junge Maestro dann auch tags darauf beim Erwachsenen-Abendtermin in der Philharmonie: Jeder Ton scheint durch seinen Körper zu pulsen. Stürmisch drängend gerät ihm so die Brahms-Sinfonie, mit starker Betonung auf der Motorik. Zum eigentlichen Herzstück des Abends aber wird Mozarts 24. Klavierkonzert. Weil sich hier Afkhams Temperament in symbiotischer Weise mit der zarten Seele des Pianisten Martin Helmchen verbindet. Ideal eingeleitet durch die sanft changierenden Klangnebel von György Ligetis „Atmosphères“, halten die beiden Interpreten das Moll-Werk in einer faszinierenden atmosphärischen Balance.

Grandios, wie weich der 30-jährige Solist den stets zur metallischen Brillanz tendierenden Steinway anzuschlagen versteht. Selbst die Kadenz im ersten Satz wirkt da tatsächlich improvisiert. Helmchen aquarelliert, Afkham gibt der Orchesterbegleitung wie mit dem Kohlestift Kontur. Derart gestützt, kann der Pianist zum weltentrückten Gedankenflug aufbrechen, ohne dass dieser Traumbesuch im Elfenbeinturm auch nur einen Takt lang den Ruch des Süßlichen bekäme. Jubel. Frederik Hanssen

POP

Verzwirbelte Rhythmen:

Bellowhead im Postbahnhof

Dieser Abend im Postbahnhof hat es in sich. Tiefe, blecherne Klangfetzen aus einer Basstuba und ein nervös rappelndes Stehschlagzeug geben den rasanten Rhythmus vor zu ausgelassenen traditionellen englischen Tanzliedchen mit flink geknöpfeltem Akkordeon, Bouzouki, Pizzicato-Cello, fröhlichen Fiedeln, beseelten Bläsern. Und einem Sänger, der inmitten dieses elfköpfigen anarchisch-aufgedrehten Musikerkollektivs so drollig abgedreht wirkt wie ein junger John Cleese: lang, dürr, störchern staksend. Doch nicht die Komikertruppe Monty Python bevölkert hier die kleine Bühne, sondern Bellowhead, die derzeit furioseste Folkgruppe aus England. Das Repertoire besteht überwiegend aus traditionellen englischen Folksongs, Jigs und Reels, Shantys, dunklen Balladen von Suff und Liebesleid. Nur dass sie die weder puristisch traditionell interpretieren noch elektrisch rockend wie einst Fairport Convention oder punkig rüpelnd wie die Pogues.

Nein, Bellowhead reißen Genregrenzen ein, machen aus der alten Folk-Form ein ganz neues Ding. Klangen die Bläser eben noch nach Johann Sebastian Bach, mutieren sie in der nächsten Sekunde zu New-Orleans-Jazz, fallen in einen Reggae-Rhythmus oder zappeln zur Polka. Haben die Fiddler gerade noch ein barockes Thema gegeigt, beginnen sie plötzlich keltisch zu flöten. Verzwirbelte Rhythmen, verwirbelte Melodien. Dem überstrapazierten Jaques-Brel-Lied „Amsterdam“ verpassen Bellowhead noch einmal einen ganz neuen Dreh. Und zum Schluss kombinieren sie noch einen Alpenländler mit jamaikanischem Ska. Umwerfend. H.P. Daniels

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