KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

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KLASSIK

Das Prickeln der Repetitionen:

Christian Tetzlaff in der Philharmonie
Eigentlich kann nichts schiefgehen: zwei Gipfelwerke der Kammermusik treffen auf hochkarätige Interpreten. Christian Tetzlaff gilt als führender Geiger seiner Generation; Martin Helmchens Pianistenkarriere strebt den oberen Rängen zu. Auch der jungen Cellistin Marie-Elisabeth Hecker wird Großes vorausgesagt. Wenn diese Stars gemeinsam ihrer erklärten Liebe zur Kammermusik nachgehen, ist ihnen der Beifall in der kleinen Philharmonie gewiss. Da erstaunt, wie schwer sie zur klanglich-emotionalen Einheit zusammenfinden. Helmchens Führungsanspruch mag zu Beginn von Schuberts B-Dur-Trio noch angehen, sorgt für klare Bässe und prickelnde Repetitionen. Doch die Streicher verblassen hinter dieser funkelnden Geschmeidigkeit, die selbst nie in die Tiefe zielt, wenig zarte und weiche Töne aufbringt. So kann sich die todtraurige Süße des Andantes kaum entfalten, wird danach die Munterkeit des Scherzos nicht recht verständlich. Trotz heftig kontrastierender Ausbrüche dringt die tragische Kehrseite dieser ganzen Lieblichkeit zu wenig an die Oberfläche.

Weniger doppelten Boden verlangt Dvoráks f-Moll-Trio, auch wenn es in seiner Düsternis expliziter von letzten Dingen spricht. In stürmischem Aufbegehren entsteht orchestrale Fülle, von der sich Tetzlaff mit temperamentvoller Tonintensität abhebt. Eindringlich artikuliert der Geiger auch die schweren Seufzer des „Poco Adagio“, während Heckers warm aufblühender Ton in sich zusammenfällt und Chancen zur klangvollen Grundierung kaum wahrnimmt. Isabel Herzfeld

ROCK

Das Schwitzen der Epigonen:

Peter Hook als Ian Curtis im K17

Das „Unknown Pleasures“-T-Shirt, das auf dem Cover des legendären Albums von Joy Division abgebildet ist, erfreut sich bei Hipstern großer Beliebtheit und gehört zu deren Uniformierung wie Nerd-Brille und Skinny-Jeans. Recht eigentümlich wirkt es da, wenn sich das T-Shirt über dem Bierbauch eines älteren Herren spannt, der Peter Hook inzwischen ist. Der Mann will kein Hipster sein, sondern war dabei, als „Unknown Pleasures“ 1979 in Manchester aufgenommen wurde. Er war der Bassist von Joy Division und als sich deren Sänger Ian Curtis erhängte, der Bassist der Nachfolgeband New Order. New Order betrieben nie Leichenfledderei und begegneten dem Erbe des bis heute kultisch verehrten Ian Curtis respektvoll. Deswegen erstaunte umso mehr, dass Hook und seine Band The Light „Unknown Pleasures“ zum Besten geben wollten und er den Ian-Curtis-Imitator spielen würde.

Hook macht aber das Beste aus seiner Rolle beim Konzert im K17, indem er erst gar nicht versucht, dem Romantisch-Verklärten gerecht zu werden, das Joy Division heute umweht. Die Band war schließlich eine Punkband, die rockte. Gerade diese Seite betont Hook, indem er rockt und sein „Unknown Pleasures“-T-Shirt durchschwitzt. „Insight“, „She’s Lost Control“, all die Klassiker spielen er und seine Band; seine dunkle, tiefe Gesangsstimme ist der von Ian Curtis durchaus ähnlich. Als das Album nachgespielt ist, kommen die Gassenhauer von Joy Division wie „Isolation“ dran. Andreas Hartmann

FOTOGRAFIE

Das Verschwimmen der Zonen:

Mannheims Fotofestival in Berlin

Als Edward Steichen die Fotoausstellung „The Family of Man“ 1951 für das Museum of Modern Art in New York organisierte, war ihm ein phänomenaler Erfolg beschieden: weil er den Menschen in seiner universalen Gleichheit zeigte, egal welcher Herkunft er ist. Katerina Gregos und Solvej Helweg Ovesen, die Kuratorinnen des 4. Fotofestivals in Mannheim, Ludwigshafen, Heidelberg gehen genau andersherum vor: Sie wollen zeigen, dass das Abbild des Menschen von seinen sozialen und ökonomischen Lebensumständen abhängig ist. Im Kreuzberger Grimmuseum ist jetzt unter dem Titel „The Eye is a lonely Hunter“ eine Auswahl ihrer Festival-Bilder zu sehen, welche die Grenzen zwischen ästhetischer und dokumentarischer Fotografie kritisch hinterfragen (Fichtestr. 2, bis 1. 4.; Mi-Sa 14-19 Uhr).

Die Werke von Paolo Woods sind ein Beispiel dieser Zwitterhaltung: Einerseits will seine Fotoserie „Chinafrica“ die Macht chinesischer Geldgeber in Afrika vorführen, andererseits sind seine Bilder farbenprächtige Allegorien mit ästhetischem Eigenwert – wie etwa das Bild jenes chinesischen Ingenieurs, der auf einer sandigen Baustelle ein Telefongespräch unter einem gelbgrünen Regenschirm führt. Den Schirm hält ein nigerianischer Soldat, der wie ein Sklave ehrfürchtig auf das nächste Kommando wartet. Die Fotografien wirbeln die Dialektik von Herrschaft und Knechtschaft kräftig durcheinander: Aufnahmen von lachenden iranischen Frauen, tanzenden Nordkoreanern und verarmten amerikanischen Kindern hängen nebeneinander. Es ist der Blick auf eine postideologische Welt, die sich nicht so leicht in Gut und Böse aufteilen lässt. Thomas Kurianowicz

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