KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

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KLASSIK

Betörend: Philippe Jaroussky

im Kammermusiksaal

Das schafft nur Philippe Jaroussky: 1000 Leute in den Kammermusiksaal zu locken, zu einem Programm mit französischer Salonmusik der Belle Epoque. So viel Aufmerksamkeit ist den Komponisten selber wohl nie zuteil geworden, wenn sie ihre Lieder in den großbürgerlichen Wohnhallen vortrugen: Atemlos lauscht das Publikum Jarousskys Interpretationen von Reynaldo Hahn, Guillaume Lekeu, Gabriel Fauré, Ernest Chausson und anderen weitgehend unbekannten Meistern.

Dabei ist gar nicht so viel Text zu verstehen. Selbst an Muttersprachlerohren dringen von den Versen lediglich die wichtigsten Schlüsselworte. Das ist aber kein Malheur, geht es in diesen mélodies doch vor allem um Atmosphäre und – Parfüm. Das deutsche Kunstlied mag in erster Linie nach Wald riechen und nach tränennassem Linnen. Das französische duftet. Da sind die Rosen und der Flieder, das ist die Frühlingsbrise und der kühlende Nachtwind, da sind diese süßen Küsse. Jaroussky und sein Klavierbegleiter Jérôme Ducros wissen, wie man diesen Miniaturen tausend raffinierte Details abgewinnt, über schillernden Klavierharmonien erhebt sich die helle, gerade Stimme des Countertenors. Ein Abend höchster Sublimierungskunst, eine Gesangs-Soirée, deren Faszination nicht von strahlenden Spitzentönen herrührt, sondern vom feinsten, schwebenden Pianissimo. Grand enthousiasme dans la salle. Frederik Hanssen

SHOW

Schlaflos: Katharine Mehrling

im Wintergarten

Tatsächlich, bis zur Pause ist es die perfekte Show. Das Wagnis des Wintergartens, einen Personality-Abend – wie Katharine Mehrling ihn mit „Bonsoir, Katherine“ 2009 in der Bar jeder Vernunft gezeigt hat – mit varietétypischer Artistik zu verknüpfen, geht in „Am Rande der Nacht“ staunenswert auf (bis 14. April). Alles ist da: Eine charismatische Sängerin, die genauso voluminös röhren wie betörend flüstern kann; eigene Lieder und dazu ausgesuchte Coversongs wie Hilde Knefs „Ich bin zu müde, um schlafen zu gehen“; eine Entertainerin mit selbstironischem Witz; eine präzise Showband unter der Leitung von Harry Ermer, klug über die als Bar ausstaffierte Bühne verteilt; zwei ansehnliche Nummern am Trapez und am Mast sowie mit dem 82 Jahre alten Jazzklarinettisten Rolf Kühn sogar eine Legende als Gast.

Elegant, wie es der Diva und ihrem Regisseur Stephan Prattes gelingt, die Nacht zum Fließen zu bringen. Bis zur Pause, wie gesagt, danach kommt Unwucht in die Show. Katherine Mehrling verplaudert sich in Dialektparodien, drei akrobatische Blocks sind einer zu viel und von Musicalbühnen schwappt die Seuche herüber, viel zu früh das Mitklatschfinale einzuläuten. Dennoch: ein schöner Abend. Mit ein wenig Nachbessern wird es ein großer.Gunda Bartels

KLASSIK

Tiefsinnig: Das Eröffnungskonzert

des Festivals Chor@Berlin

Den Zuhörern mit einer Zugabe das Herz zu öffnen und nicht zu sagen, worum es sich handelt, das ist wie eine Liebeserklärung zu machen und dann keine Telefonnummer zu hinterlassen. Überhaupt gibt sich der Estonian Philharmonic Chamber Choir bei der Eröffnung des Festivals Chor@Berlin im Radialsystem etwas spröde (bis 19. 2., Infos: www.deutscher- chorverband.de). Denn weder sind auf dem Programmzettel Übersetzungen der auf Estnisch, Russisch und Lateinisch gesungenen Stücke abgedruckt, noch gibt es moderierende Worte von Chefdirigent Daniel Reuss. Ungeübte Hörer haben sogar Schwierigkeiten, zwischen den Stücken zu unterscheiden, denn sowohl die Werke der Zeitgenossen Arvo Pärt, Galina Grigorjewa und Veljo Tormis, als auch jene der zwischen 19. und 20. Jahrhundert vermittelnden estnischen Klassiker verbindet ein starker Bezug zur modalen und teilweise mystischen Tradition nordosteuropäischer Volks- und Sakralmusik.

Das könnte auf die Dauer muffig oder tümlich klingen, doch Reuss und der Chor begeistern gerade dadurch, dass sie über die gesamte Länge des Konzerts eine perfekte Balance zwischen nüchterner, struktureller Klarheit und emotionaler Tiefe halten. Sie tun dies mit freien, offenen und auch im Zusammenklang individuellen Stimmen, die in körnigen Liegetönen oder bäurischen Rufen ethnische Färbungen annehmen können, ohne je das Ideal eines objektiven durchhörbaren Gesamtklangs zu verraten.

P.S. Stalkingversuche des in die Zugabe verliebten Rezensenten ergaben, dass es sich um die Bearbeitungen eines estnischen Volkslieds von Miina Härma handelte. Deutschlandradio Kultur sendet den Mitschnitt des Abends am 28. Februar um 20 Uhr. Carsten Niemann

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