KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

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POP

Lärmwalze vom Mars:

Justice in der Columbiahalle

Als Jugendlicher hatte ich mal einen Traum: Aliens erobern die Erde, indem sie mit gigantischen Maschinen einfach alles zu Brei stampfen. Später habe ich mich gelegentlich gefragt, was wohl die Musik zu diesem – in meiner Erinnerung gar nicht albtraumhaften – Geschehen sein müsste. Jetzt weiß ich es: ein Konzert von Justice. Der Stilmix des französischen Duos wird mit Vokabeln wie Discorock oder Electroclash umschrieben, aber eigentlich ist dies der Soundtrack zur Apokalypse. Dabei besteht das Ganze nur aus Beats, Geräuschen und Melodiefetzen, dazu ab und an Gesangssamples, alles gepresst zu einer brachialen Lärmwalze. Aber was für ein großartiger Lärm! Als würden Trolle vom Mars mit Saurierknochen auf riesige Kesselpauken eindreschen, während ihre Artgenossen die Schwerter an monströsen Schleifsteinen schärfen und die Trollfrauen schaurige Choräle für die Gefallenen anstimmen.

In der ausverkauften Columbiahalle löst der permanente Angriff auf Trommelfell und Magengrube tumultartige Szenen aus. Vor der Bühne bilden sich Menschenwirbel, Pogowellen schwappen vor und zurück, erschöpfte Fans werden von Ordnern geborgen. Doch nicht die Musik allein ist Auslöser kollektiver Raserei. Gaspard Augé und Xavier de Rosnay sind einem Dilemma elektronischer Konzerte – der oftmals wenig fesselnden Performance der Akteure – offensiv begegnet. Die Technik steht bei ihnen im Mittelpunkt, sie selbst sind nur Maschinisten einer ingeniösen Bühnenapparatur. Wo bei anderen eine simple DJ-Kanzel stehen würde, thront bei Justice ein schwarzer, von blinkenden Leuchtdioden übersäter Altar, in dessen Mitte ein weißes Kreuz leuchtet. Flankiert wird das von zwei Belagerungstürmen aus illuminierten Marshall-Verstärkern. Manchmal kreiseln Dutzende Scheinwerferspots durch die Halle, dann werden sie zu einem Fallbeil aus gleißendem Weiß gebündelt, das auf die entfesselte Menge herabsaust. „We are your Friends“ lautet der in seliger Penetranz wiederholte Refrain des bekanntesten Justice-Songs. Es klingt wie die heuchlerische Begrüßungsformel unfreundlicher Außerirdischer. Nach 80 Minuten ist die Invasion vorbei. Draußen scheint noch alles zu stehen. Wir bleiben wachsam. Jörg Wunder

THEATER

Post aus China:

„Der goldene Drache“ in der DT-Box

In der Küche des China-Viet-Thai-Bistros „Der goldene Drache“ ziehen ratlose Kollegen einem jungen Chinesen, der keine Aufenthaltsgenehmigung hat, einen kariösen Zahn. Der Chinese verblutet, während die wohlstandskleinbürgerlichen Nachbarn des Schnellrestaurants heimlich eine junge Frau missbrauchen, die wahrscheinlich die Schwester des Chinesen ist.

Mit dieser Story gewann Roland Schimmelpfennig 2010 nicht nur den Mülheimer Dramatikerpreis und eine Einladung zum Berliner Theatertreffen. Sondern er etablierte als Uraufführungsregisseur seines eigenen Stückes am Wiener Burgtheater zudem eine spezielle Spielmethode, in der die Akteur/innen ihre Figuren gleichzeitig verkörpern wie auch distanziert kommentieren (wieder am 4., 7., 11. und 16. März).

Keine leichte Hypothek für die DT-Regieassistentin Brit Bartkowiak, die sich jetzt mit Schauspielstudent/innen der Berliner UdK in der hauseigenen Box in den Schnellimbiss begibt – zumal Schimmelpfennigs epischer Grundton andere Aufführungsmethoden tatsächlich schwer vorstellbar macht. Also wird auch hier eher anzitiert als ausgemalt – und zwar bewusst anti-identifikatorisch (Männer spielen Frauen und umgekehrt) und mit entsprechender studentischer Spielfreude, wobei Bartkowiak gekonnt zwischen Ironie und pathosfreiem Ernst balanciert.

Wenn zu Beginn und am Schluss tatsächlich ein Chinese, der mit dem Rest des Geschehens nicht das Geringste zu tun zu haben scheint, kurz als DHL-Paketträger über die Szene läuft, kann man das entweder als zweifelhaften Einbruch des Realen lesen oder aber als durchaus luzide Regie-Antwort auf eine Frage, an der sich auch die theaterkritischen Geister scheiden: Handelt es sich beim „Goldenen Drachen“ um eine gelungene „Globalisierungsparabel“ oder um ein veritables, mehr oder weniger intendiertes westeuropäisches Gegenwartsdramatiker-Märchen. Christine Wahl

KLASSIK

Abschied vom Lied: Mitsuko Uchida

im Kammermusiksaal

Dieser dunkle, dumpfe Triller, der in das liedhafte Thema eindringt, ist nicht geheuer, ist bedrohlich, feierlich, beunruhigend. Er steht im ersten Satz der B-Dur-Sonate von Franz Schubert (D 960), zunächst gedämpft, ein Basstriller, der in der Erinnerung haftet bis zum Schluss des Satzes. Wie er die Lieblichkeit der Melodien dominiert, wie er „spricht“, das hat mit der Aura der unvergleichlichen Komposition zu tun.

Die Pianistin Mitsuko Uchida, vor wenigen Jahren Pianist in Residence der Berliner Philharmoniker, spielt im Kammermusiksaal die drei letzten Klaviersonaten Schuberts, die das Jahr 1828, sein Todesjahr, der Welt geschenkt hat. Und ihre Interpretationen sind von dem weichen Grundcharakter der Schubert’schen Erfindung bestimmt, dem „Aufenthalt im Unerhörten“, wie Ernst Bloch sagt, ohne den Blick auf das Vorbild Beethoven zu verschleiern. So beginnt Uchida mit den Schlägen der c-Moll-Sonate Schuberts wie auf der Suche nach der willensmäßig angestrengten Sprache Beethovens, kommt aber in diesem Konzert der Reihe „Meister-Klavierabende“ erst im Schubert-typischen Gesang gänzlich zu sich selbst, triumphiert dann im virtuosen Schlusssatz, im jagenden Galopp.

Die Frage, woher die so äußerst zierliche Wienerin aus Japan die Kraft für ihre klavieristischen Energien schöpft, tritt zurück hinter ihrer im Ganzen melancholischen Gestaltung: Wiener Sphäre ist darin und Tiefe der Welt, ein Zwischenreich aus Intellekt und Traum. Mit den drei Sonaten, auch der helleren in A-Dur, feiert Uchida im Wechsel der Stimmungen, der Betonungen, Varianten der Dynamik als Ausdrucksmittel, des häufigen Innehaltens und Neubeginns den Eindruck, dass diese Musik kein Ende haben will. Heiterkeit wird im Finale der letzten Sonate sogleich gebremst von einem strengen Ton. Das Werk gehört den Philosophen. Und der Pianistin, die mit Ovationen gefeiert wird. Sybill Mahlke

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