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KLASSIKCOLLAGE

Zickig: „Miss Elvira“

im Radialsystem

Wütend, mit zerstörtem Make-up und viel zu dünn angezogen stöckelt die Frau auf der Videoprojektion durch einen Gutspark und ist wenig später live auf der Bühne des Radialsystems angelangt. Wir dürfen sie als die betrogene Geliebte von Mozarts Don Giovanni identifizieren. Es sind Bruchstücke aus dieser Oper, die sie zu verzerrten E-Gitarren-Klängen ausstößt – und die Produktion der Andreas Bode Company, deren Berlinpremiere wir erleben, heißt ja auch „Miss Elvira“. Eigentlich ist es aber egal, wer die Frau ist, und welche traumatische Beziehung sie gerade beendet hat. Entscheidend ist, dass dringend eine neue Beziehung her muss. Der einzige Mann auf der Bühne ist der Gitarrist (Johannes Öllinger). Ein wortkarger Typ, der Adiletten trägt und sich hinter seiner Musik versteckt. Um ihn zu gewinnen, ist Elvira alles recht. Sie will ein romantisches Dinner, er stellt ihr kalte Spaghetti hin – mit denen sie so lange herumalbert, bis sie ihn doch ins Bett kriegt. Dort wird man sich dann anzicken bis zur Scheidung.

Dieses Drama mit Beziehungssprech und Schumanns Liederzyklus „Frauenliebe und Leben“ zu kombinieren, ist gewagt. Und funktioniert. Im Munde eines Menschen, der sich seine Beziehung schönredet, werden die alten Texte plötzlich zeitgenössisch. Catrin Kirchner singt ihre Partie, in die barocke Bravourarien einmontiert sind, sehr ordentlich. Vor allem aber sind es ihr Spiel und die von der Musikmontage bis zur Personenführung auf vielen Ebenen wirkende Regie von Andreas Bode, die dem Experiment Leben verleihen. Carsten Niemann

KLASSIK

Viril: Das Artemis Quartett

iim Kammermusiksaal

Beethoven war einmal. Nachdem das Artemis Quartett sämtliche Streichquartette des Meisters eingespielt hat, haben Natalia Prishepenko, Gregor Sigl, Friedemann Weigle und Eckart Runge den Kopf frei für neue Aufgaben. Zum Beispiel für Henri Dutilleux: Mit dem Mikro in der Hand führt Runge das Publikum in dessen 1976 entstandenes Streichquartett „Ainsi la nuit“ ein, die Musiker demonstrieren mit Klangbeispielen, wie sich Tonalität und Atonalität bei Dutilleux zu einer Harmonik ergänzen, wie aus einer motivischen Keimzelle Erinnerung entsteht, wie sich die Stimmen spiegeln: Es ist eine pädagogische Maßnahme, die angebracht ist, weil zeitgenössische Musik allzu oft in einem Abyss aus Nichtkennen oder Vergessen verschwindet. Dann geben sich die vier leidenschaftlich den graupeligen, gezupften Klängen dieses Nachtstücks hin.

Nächtlichen Charakter hat das ganze Konzert: Dutilleux wird gerahmt von zwei Mollquartetten. Stupend, wie viele Schattierungen das „Rosamunde“-Thema aus dem zweiten Satz von Schuberts gleichnamigem Quartett haben kann: fragil, viril, fahl, lyrisch. Die Artemis-Musiker sind überhaupt sehr poetisch gestimmt, ihr Ton ist eher versöhnlich als schneidend. Aber auch so brechen sie die nächtliche Melancholie, von der sowohl das Schubert-Quartett als auch das g-Moll-Quartett von Debussy durchdrungen sind, immer wieder auf: Durch gespinsthaften Klangfarbenreichtum, dynamische Vielfalt und eine beglückende Mischung der Stimmen. Impulsiver Applaus im Kammermusiksaal. Udo Badelt

KUNST

Organisch: „Istanbul Alphabet“

im Museum der Dinge

In Deutschland spielt man Schach. In Istanbul Backgammon. Beide Spiele ähneln sich, aber die Backgammonwürfel bedeuten, dass sich immer alles ändern kann. Die Ausstellung „Istanbul Alphabet – von cokcok bis zikzak“ im Museum der Dinge (Oranienstr. 25, bis 9.4., Fr-Mo 12-19 Uhr) stellt mit einer Mischung Design- und Alltagsgegenständen dieses Wechselhafte in den Mittelpunkt.

Die Künstler Max Borka und Anna Pannekoek haben während eines 100-tägigen Istanbulaufenthaltes die Stadt nach Gegenständen durchsucht, die Istanbul, wie sie es sehen, darstellen. Die Kontrastierung von Alltäglichem wie einer Kiste Zitronen mit Designobjekten wie Kaffeetassen, deren Porzellanränder wie die Röcke eines Derwischs zu wirbeln scheinen, verdeutlichen die Istanbuler Designmentalität: Es geht immer um etwas Praktisches, etwas Ehrliches. Das muss nicht schön sein, wie die Motorradhelmgarderobe zeigt, zeugt aber von einem elementaren Verständnis der Natur als durch und durch organischem und dennoch mathematisch logischem System. Untermalt von Geräuschen, die Pannekoek in den Straßen der 20-Millionen-Einwohner-Stadt gesammelt hat, versucht die Ausstellung durch Plastikschemel und getrocknete Fische zudem ein Gefühl für den Istanbuler Alltag mit seiner optimistischen Grundstimmung zu schaffen. „Cokcok“, das bedeutet übrigens „sehr, sehr“. Unersättlich, immer weiter. Annika Brockschmidt

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