KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

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KLASSIK

Herzlich und hyperaktiv:

Anna Netrebko und Daniel Barenboim
Selten neigt sich ein Star dem begleitenden Orchester so respektvoll zu wie Anna Netrebko. Bei dieser Haltung von Menschlichkeit erscheint es umso rätselhafter, warum die Künstlerin, wie sie gerade bekräftigt hat, den Kremlkandidaten Putin unterstützt. Eine offene Frage für uns, ihr Geheimnis. Die Erfolggekrönte weiß, was sie an der Staatskapelle unter Daniel Barenboim hat. Egozentrisches Rampensingen liegt ihr fern. So ist es eine Freude zu beobachten, wie die Sängerin den Instrumentalisten zuhört. Dabei bewegt sie sich frei auf dem Podium, geschmiegt an die Musik, um gleichsam den ganzen Raum zu umfassen: die Philharmonie als teure Halle.

Es geht in diesem Benefizkonzert um die Sanierung der Staatsoper Unter den Linden. „Nach alter Schelmenweise“ beginnt Barenboim „Till Eulenspiegels lustige Streiche“ sanft wie ein Märchen, um sich dann hyperaktiv in die Abenteuer des „Schalksnarren“ zu stürzen. Eine äußerst plastische Erzählung bis zum versöhnlichen Epilog. An die Strauss-Partitur schließen sich orchestrierte Lieder des Komponisten an, und Netrebko lauscht der ruhigen Melodie des Konzertmeisters Wolfram Brandl, bis sie einsetzt: „Und morgen wird die Sonne wieder scheinen.“ Zum Schluss schenkt sie dem Geiger einen schönen Blick.

Hier im Lied wie in einer Arie von Boito und Elenas „Mercè, dilette amiche“ aus der „Sizilianischen Vesper“ von Verdi schwingt sich die kostbare Sopranstimme frei in die Höhe, hat Farben in der Tiefe und feines Pianissimo. Die Staatskapelle brilliert mit Orchesterstücken wie der „Marche hongroise“ von Berlioz und der Ouvertüre zu „I vespri siciliani“. Barenboim scheint an gestischer Souveränität mit den Jahren immer noch zu gewinnen. Prächtige Musik also und dazu, gefördert seitens der Primadonna, eine Aura von Herzlichkeit. Sybill Mahlke

FOLK

Zart und zerbrechlich:

Shelby Lynne in der Passionskirche

Gelegentlich kann es großes Glück bedeuten, wenn Musiker ohne Begleitband unterwegs sind. Wenn sie gezwungen sind, sich auf die Essenz ihrer Kunst zu beschränken. Großes Glück, die amerikanische Singer-Songwriterin Shelby Lynne ganz alleine in der Passionskirche zu erleben! Ohne klangliche Schönfärberei, ohne aufgeblasene Arrangements, ohne Tand. Nur Stimme, Gitarre, Songs. Und das Wesentliche: Gefühl, Ausdruck, Seele. Wobei die beängstigend schlanke Shelby ihre größte Stärke in einem geradezu lässigen Understatement entfaltet: dem Zügeln ihrer stimmlichen Kraft, der Zurückhaltung ihres einfachen rhythmischen Schraddelns auf einer kleinen Akustikgitarre.

Das verleiht ihren bittersüßen Americana-Songs viel Rückgrat. Es sind eindringliche Folk-Blues-Geschichten über eine Kindheit in Alabama, Liebes- und Mörderballaden. Sie handeln vom Glück eines Kindes, das mit seiner Mutter und der jüngeren Schwester im Auto traumhafte dreistimmige Harmonien sang. Und vom Trauma der Siebzehnjährigen, die mit ansehen musste, wie der Vater erst die Mutter und dann sich selbst erschoss. Der Klang in der Kirche ist merkwürdig dünn, drahtig wie aus einem alten Kofferradio. Aber vielleicht passt der „Vintage“-Sound besonders gut zu den 25 Songs, die vorwiegend vom neuen Album „Revelation Road“ stammen. Und als Zugabe „Pretend“, eine a cappella gesungene Huldigung an die englische Sängerin Dusty Springfield. Traurige Lieder, glücklicher Abend. H.P. Daniels

ROCK’N’ROLL

Stark und sexy:

Hanni El Khatib im Bassy

„Oh Baby, you’re dead wrong“, heult der Typ mit den tätowierten Unterarmen im Bassy. Hanni El Khatib heißt er, stammt aus San Francisco, seine Eltern sind aus Palästina und den Philippinen eingewandert. 2011 erschien El Khatibs Debütalbum „Will the guns come out“, das einen in die Zeit zurückführt, in der Stripteasekugelschreiber und James Dean der letzte Schrei waren. Seine Gebietsansprüche reichen vom Rhythm & Blues der Fünfziger bis zu raubeinigem Garagenrock. Der Mann packt das Publikum bei den Ohren und brüllt „Rock’n’Roll!“ hinein. Verwegen wirft er sich in Rockerposen, spielt kreischende Gitarrensoli oder ratscht minutenlang auf einem Akkord herum, um dann wieder als Mischung aus Johnny Burnette und Jack White im Hinterhof-Loser-Stil seine Stimme zu heben, während sein Kumpel Nicky Fleming mit einem breiten Lächeln auf die Trommelkiste haut und aus der One-Man-Band eine Zweierkonstellation macht.

Es schubbert, schmirgelt, quietscht und kreischt. Dies ist kein gottverdammter Gniedelrock, sondern große Krawallkunst. Die Schunkelversion von „Heartbreak Hotel“ geht besonders geschmeidig ins Ohr. Zum Schluss poltert der legendäre King Khan auf die Bühne. Das Publikum will mehr. Es weiß: Diese Musik macht stark und sexy. Springmesser prallen an einem ab und Frauen laufen einem scharenweise nach.Volker Lüke

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