KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

Tomasz Kurianowicz

MUSICAL

Stress im Paradies: Mark Twains „Adam und Eva“ im Admiralspalast

Muss man, um das Verhältnis zwischen Mann und Frau zu erklären, ganz zurück zu Adam und Eva? Ja, schließlich lagen die Geschlechter bereits im Garten Eden heftig im Clinch. So jedenfalls interpretiert Kevin Schroeder Mark Twains „Tagebücher von Adam und Eva“ – und macht daraus eine polternde, pointenreiche Beziehungskomödie in Musicalform. Eva nervt, und das gewaltig. Sie plappert, wühlt und wuselt, während Adam der Geisteshaltung eines Neandertalers frönt. Er genießt die Sonne, geht fischen und lässt sich vom Rederausch seiner neuen Partnerin nicht weiter beeindrucken. Im Gegenteil gibt er Eva zu verstehen, wozu eine Frau gut ist: zum Putzen, Kochen und Schweigen.

Das Musical, das in Koproduktion mit Christian Struppeck und Andreas Gergen entstanden ist, hat Biss: Die Songs von Marc Seitz sind spritzig, Vera Bolten und Alex Melcher entzücken in ihren Hauptrollen. Auch die Stücke grooven; die Band von Nikolai Orloff legt sich mächtig ins Zeug. Leider schwelgen die banalen Texte in altbackenen Rollenmustern. Nicht jede Pointe funktioniert, nicht jeder Schenkelklopfer zündet, und zum Schluss hin fehlt es dem ganzen Vorhaben an Spannkraft. Statt sich auf den Mario Barth’schen Beziehungsreigen zu konzentrieren, wird bald ausgreifend über die Kinder Kain und Abel und die heilige Instanz der Familie sinniert. Schon klar: Am Ende soll Adam erkennen, dass das Paradies an jenem Ort ist, wo Eva wohnt. Warum diese Einsicht aber mit so viel Kitsch überladen werden muss – das weiß Gott allein (wieder am 19. sowie 30./31.3.). Tomasz Kurianowicz

JAZZ

Inspiration bei Homer: Chris Potter

mit Band im A-Trane

Meist beginnen die Konzerte im A-Trane kurz nach 22 Uhr, doch am Sonnabend geht es schon um sieben los. So zahlreich waren die Reservierungen, dass kurzerhand ein Zusatzkonzert vereinbart wird. Der amerikanische Saxofonist Chris Potter hat den Ruf, außergewöhnlich ideenreich und referenzsicher zu spielen. Diesmal kommt er mit neuem akustischen Quartett und von Homer inspirierten Kompositionen, die erst im Herbst bei ECM erscheinen. Inspiriert zu dieser Musik wurde Potter beim Wiederlesen der Odyssee, das Eröffnungsstück heißt „Wine Dark Sea“. Potter positioniert die Soli zunächst so wie der Fotograf Arnold Newman seine Porträtierten: vor der Kulisse. Präzise baut er seine Tontänze auf, schnell, aufgeladen mit Bezugssystemen, kräftig, definitionssicher. Der 41-Jährige musiziert beherrscht und besessen zugleich, sein Quartett ist mit Bass, Schlagzeug und Klavier klassisch besetzt und füllt diese Rolle aus. 7/8- oder 11/8-Takte sind bei Potter längst typische Muster: Kurz leuchtet die Rhythmusgruppe brillant auf, wenn Gerald Cleaver sein Schlagzeugsolo über eine sich ständige wiederholende Begleitfigur des Pianisten David Virelles baut. Die Band stellt Jazz in den Raum, sie bricht nicht auf, sie erfindet nicht neu, sie experimentiert auch nicht mehr, sondern führt die Ergebnisse von Potters Klangforschung vor. „Calypso“ steht am Ende eines aufrichtigen Konzertes, das durchaus auch jüngere Publikum erklatscht zwei Zugaben und wird mit Thelonious Monk und Paul Motian belohnt. Christian Broecking

OPER

Rituale, Rituale: „Radames“

und „Harakiri“ im Konzerthaus

Es wird viel gestorben in der neuen Produktion der Berliner Kammeroper im Werner-Otto-Saal des Konzerthauses, vor allem der Kunstform Oper selbst läuten die Totenglöckchen. „Die letzte Oper“ heißt die Doppelproduktion (Regie: Kay Kuntze), die zwei noch kaum szenisch aufgeführte Kompositionen von Peter Eötvös zu einem Abend verbindet: „Radames“ (1975/1997) und „Harakiri“ (1973). Die Oper, so Eötvös, ersticke an ihren Ritualen und formelhaften Strukturen aus dem 19. Jahrhundert; also schreibe er, indem er komponiere, auch gegen diese Erstarrung an.

In „Radames“ aber kommt die Bedrohung dann doch eher von außen als aus der Gattung selbst: Wegen massiver Mittelstreichungen kann „Aida“ mit nur einem Sänger gegeben werden, der Dirigent (Philip Mayers) muss nebenbei Kaffee verkaufen. Für drei Regisseure ist allerdings genug Geld da: Eine Nervensäge vom Film, einen Schöngeist vom Theater, eine ekstatische Verdi-Adeptin. Countertenor Tim Severloh muss sowohl Aida als auch Radames singen und sich mit hilflos-bestürztem Stummfilmgesicht der Ansprüche der drei Regisseure erwehren. Auch „Harakiri“ erzählt die Geschichte einer Selbstopferung, begleitet von den gefauchten, pustenden Klängen zweier japanischer Bambusflöten (Dietmar Herriger und Christian Raake). Doch im Ergebnis bleibt das alles nur Behauptung, die alte Verabredung des Theaters überlebt (weitere Aufführungen vom 6. - 8. März): Am Schluss stehen alle, wie gehabt, auf der Bühne, treten einzeln vor und nehmen den Applaus entgegen. Hatte Eötvös’ nicht vom Ende der Rituale geträumt?Udo Badelt

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