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POP

Sie surften nur einen Sommer:

The Drums im Postbahnhof

Gibt es eine Krise in der gitarrenorientierten Popmusik? In der Umbaupause vor dem Konzert der New Yorker Band The Drums, die vor knapp drei Jahren als Hoffnungsträger des Gitarren-Retro-Pops galten, lässt der DJ im Postbahnhof das Debütalbum der Britpopper Kaiser Chiefs laufen. Es stammt von 2005 und ist schlecht gealtert: das Hauptwerk einer Band, die Millionen Platten verkaufte, aber schon fast vergessen ist. Was sollen dann erst die Drums in ein paar Jahren machen? Aber vielleicht ist ihr Weg klüger: Statt aus ihrem einzigen Hit, der brillanten Hymne „Let’s Go Surfing“, ein Karrieremodell abzuleiten, haben sie ihre Dreiminutensongs runtergetunt auf ein Gerippe aus abgedämpften Gitarrenlicks, federnden Bassläufen und animistischem Getrommel, über das Sänger Jonathan Pierce mit bebender Stimme Texte voll urbaner Sehnsüchte deklamiert.

Erstaunlicherweise entfaltet gerade die Ähnlichkeit ihrer Stücke, in denen das optimistische Sechziger-Flair der US-Westküste mit dem melancholischen Glasgow-Pop der Achtziger eine fruchtbare Verbindung eingeht, soghafte Wirkung. Das Ganze klingt wie Joy Division ohne depressiven Sänger, also großartig. Das wird durch die wenig expressive Performance der fünf Musiker noch unterstrichen. Wenn etwa Jacob Graham, der mit Pierce seit Kindertagen befreundete Mitbegründer der Band, an seinen altertümlichen Synthesizern herumschraubt, strahlt er die Unerschütterlichkeit eines pensionierten Laborassistenten aus. Schön auch, wie sie zum Ende die Erwartungen durcheinander wirbeln: Nach einer knappen Stunde dieser hibbelig machenden Ohrwürmer nehmen The Drums mit ihrer Ballade „Down By The Water“ und dem Sequenzer-Geblubber von „Searching For Heaven“ erst komplett das Tempo raus, um dann doch noch in generösem Okay-wir-geben-euch-doch-noch-den- Hit-Gestus mit einer furiosen Version von „Let’s Go Surfing“ den Saal zum Toben zu bringen.Jörg Wunder

KLASSIK

Und weiter pfeift der Till:

Staatskapelle mit Barenboim

„Da baumelt er nun, die Luft geht ihm aus“: Kaum eine Woche ist es her, dass Till Eulenspiegel mit der Staatskapelle seinen sinfonischen Tod am Galgen überstanden hat. Und erneut treibt der unsterbliche Kobold seine „lustigen Streiche“ in der Philharmonie. Denn Daniel Barenboim und sein Orchester feiern die Strauss-Partitur nach dem Benefiz mit Anna Netrebko noch einmal im eigenen Abonnement. Wieder pfeift Till „leichtfertig“ seinen Gassenhauer dem Gericht und der Exekution entgegen, bis sich „gemächlich“ der Vorhang schließt. Geliebter frecher Held, der sich herausnimmt, was Andere nicht dürfen: Besser als mit der Virtuosität dieser Interpretation lässt sich Unsterblichkeit nicht predigen.

Beiläufig, verträumt setzt Radu Lupu mit seinem Solo im ersten Klavierkonzert von Brahms ein, nachdem Barenboim das Maestoso gemeißelt hat. Lupu genießt es, seinen Part als Orchesterstimme zu begreifen und im Adagio beinahe still zu stehen. So oft er das Stück gespielt hat, sein introvertiertes Solo lebt von dem Charme der Unberechenbarkeit.

In einer Inszenierung von Andrea Breth wird Alban Bergs „Lulu“ als Zentrum der Festtage am 31. März im Schiller Theater Premiere haben. Ansporn, sich in die neuartig-vertrauten Klänge einzufühlen, bieten hier die „Sinfonischen Stücke“ aus der Oper. Diese Einstimmung des Riesenorchesters bis zu den Solostreichern klingt vielversprechend, und Barenboim dirigiert die Thematik des Dr. Schön mit dem Vibrato des Herzens. Der israelischen Sopranistin Rinnat Moriah ist im Konzert das Koloraturlied des dritten Satzes anvertraut. Die glänzende Höhe der zarten jungen Stimme spricht für sich. Was ihr für das wesensgemäße Bekenntnis der Lulu noch fehlt, ist Ausdruck, ist „selbstbewusster Ton“. Sybill Mahlke

KLASSIK

Zum Himmel strebt der Dirigent:

Yoel Gamzou im Kammermusiksaal

Unbedingter Ausdruckswille treibt Yoel Gamzou immer wieder zu Gustav Mahler: Bereits mit sieben Jahren für dessen tieflotende Ausdruckswelt begeistert, gründete der aus Israel stammende Amerikaner als Student das „International Mahler Orchestra“ und trat auch immer wieder durch Bearbeitungen hervor. Wenn der nun 24–Jährige das für Kammerorchester eingedampfte Adagio aus der Neunten mit dem Wiener Concert-Verein im Kammermusiksaal zelebriert, dann ist es dieses Feuer, das über alle Klippen hinweghilft. Mögen da vor allem die sechs (!) ersten Geigen überfordert klingen oder die Bläser nicht immer die richtige Balance finden – die Intensität, mit der Gamzou immer wieder das zum Himmel strebende Hauptthema formt, der Mut zu kahlem Linienwerk, die Leidenschaft, mit der er das Orchester förmlich auspresst und ihm tobende Klänge abgewinnt, beeindruckt und bewegt. Viel Beifall belohnt den erschöpften jungen Künstler, der beweist, dass technische Perfektion zweitrangig sein kann.

Dabei ist Gamzou alles andere als ein pathosverliebter Grobian: Zu Beginn ziseliert er ein liebenswürdiges „Concerto per archi“ des durch Filmmusiken („Der Pate“) bekannt gewordenen Nino Rota, gibt auch Richard Dünsers Bearbeitung der „Klavierstücke op. 11“ von Arnold Schönberg farbige Details. Glanz aber entfaltet er bei Mozarts Es-Dur-Konzert für zwei Klaviere, in dem der prägnante Orchesterpart in spritzige Dialoge mit der Brillanz der Solisten Olga Monakh und Nicolas Bringuier tritt. Isabel Herzfeld

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