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KUNST

Handgemalt: Karol Broniatowski

im Polnischen Institut

Karol Broniatowksi ist eigentlich Bildhauer. Kein Wunder, dass seine Gouachen haptisch anmuten. Die großzügig verwendete Farbe nutzt er wie ein zusätzliches Stilmittel: Die Figuren, die er fertigt, meist sind es Frauen, scheinen sich so aus der Zweidimensionalität wie in einen dritten Raum hinein zu befreien. Die Arbeiten, die im Polnischen Institut in Mitte (Burgstr. 27, bis 5. 4.; Di-Fr 10-18 Uhr) zu sehen sind, zeigen die Gestalten allesamt als Silhouette: Blutrot sind sie auf schneeweißes Papier gemalt, der Farbauftrag ist dick, geradezu archaisch pastos. Dadurch wirken die Bilder beängstigend gewaltig. Und zugleich – kurioserweise – wie zart romantisch ausgedacht, als ließen die dargestellten Frauen ihre Hüften zu einer nicht hörbaren Melodie kreisen.

Broniatowksi, der unter anderem das Mahnmal für die Deportierten Juden am Bahnhof Grunewald entwarf, spielt mit dieser Ambivalenz aus Bedrohlichkeit und Harmonie. Dabei malt er nicht mit einem Pinsel, sondern mit seinen Händen und bringt die Farbe bewusst unmittelbar aufs Papier. Wie eine Weiterentwicklung zu den Gouachen steht in den Räumen des Instituts zudem eine große Bronzeplastik. Sie zeigt einen Frauentorso, entstanden aus mehreren Schichten, die wie Wachs übereinander verlaufen. Hier findet sich jenes dominierende Gefühl des Körperhaften, das seine Gouachen nur evozieren, sinnhaft wieder - im dreidimensionalen Raum. Lena de Boer

KLASSIK

Überirdisch: Guy Braunstein und

das West-Eastern Divan Orchestra

Vor wenigen Wochen erst überzeugte Guy Braunstein mit einer ebenso souveränen wie zurückhaltenden Darbietung des Brahms-Konzerts mit den Philharmonikern, deren 1. Konzertmeister der Geiger ist. Bei seinem Auftritt mit Musikern des West-Eastern Divan Orchestra geht er das Horntrio desselben Komponisten nun an, als handele es sich um die Bearbeitung eines weiteren Violinkonzerts. Schon die Begleitfiguren zum ersten Einsatz des Blasinstruments stellt er aufdringlich in den Vordergrund, insgesamt harmoniert seine etwas struppige und zugespitzte Interpretation wenig mit dem diskreten Spiel von Klavier (aufmerksam: Bishara Harouni) und Horn (klangschön, aber allzu unerschütterlich: Tunca Dogu). Der Geiger diesmal: Mehr primus als inter pares.

Das Brahmstrio gehört allerdings erkennbar eher zu einem Vorprogramm, das durch Tanzfolgen von Kodály und Saint-Saëns als delikat abgeschmeckten Vorspeisen ergänzt wird. Im Mittelpunkt steht Messiaens „Quatuor pour la fin du temps“. Das Stück macht ja meistens großen Eindruck, aber den durchweg exzellenten Interpreten – mit einem nun ganz uneigennützig musizierenden Braunstein – gelingt eine besonders schöne Aufführung, in der sich Strukturbewusstsein und Expressivität glücklich verbinden. Den Einblick in die Zeitlosigkeit erreicht der Komponist durch sich komplex überlagernde Akkord- und Rhythmusfolgen, die Instrumente spielen mal einen ganzen Satz unisono, dann wieder scheint es, als hielten sie sich in Paralleluniversen auf. Die Musiker vermitteln dabei tatsächlich den paradoxen Eindruck einer in Richtung Unendlichkeit gedehnten Zeit, die dennoch wie im Nu verfliegt.

Überirdisch schön und an der Schwelle zum Nichts gestalten Kinan Azmeh (Klarinette) und Zvi Plesser (Violoncello) den Vogel- und Engelsgesang, bevor Braunstein mit dem nur vom Klavier begleiteten letzten Satz das Konzert beendet. Benedikt von Bernstorff

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