KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

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Foto: Damir Zizic/promo
Foto: Damir Zizic/promo

KLASSIK

Brüche und Schründe:

Das Vogler-Quartett im Konzerthaus

Wenn das Vogler-Quartett sein drittes Saisonkonzert mit „In Böhmens Hain“ überschreibt und viel Dvorák aufs Programm setzt, dann klingeln erst mal die Folklore-Alarmglocken. Allerdings grundlos, wie gleich das erste Stück des Abends im kleinen Saal des Konzerthauses zeigt: In Bartóks zweitem Streichquartett suchen und finden Tim Vogler, Frank Reinecke, Stefan Fehlandt und Stephan Forck keine überschwänglichen Heimatgefühle, sondern Ausdruck des Gefühls, Resignation und Verzweiflung.

Bartók schrieb das Werk mitten im Ersten Weltkrieg, in dem er die Welt, wie er sie gekannt hat, untergehen sah. Verzehrend, sehnend ist der Klang schon im ersten Satz. Die Voglers stürzen sich in die Brüche und Schründe der Partitur, etwa im Prestissimo, mit dem der zweite Satz schließt und das erst wie von Ferne heranweht, um dann regelrecht zu explodieren. Viel lyrischer gerät ihnen die Auswahl aus Dvoráks „Zypressen“. Erstaunlich ist die schillernde Ausdrucksvielfalt, mit der sich das Quartett dem Ton der Liebesgedichte, die der Komposition zugrunde liegen, anschmiegt.

Seit über 25 Jahren spielen die vier Voglers in gleicher Besetzung. In dieser Zeit haben sie ein unglaublich großes Repertoire durchleuchtet – das tun sie jetzt auch in Dvoráks vorletztem Streichquartett G-Dur. Das Saftige, Böhmische, Melodieselige verweigern sie, der Klang hat etwas Gebrochenes, Schroffes, Ehrliches. Stephan Forcks Cello ist ein verlässliches Fundament in der Tiefe, Primgeiger Tim Vogler führt die ganze Klangpalette von fahl bis leuchtend vor. Selten klang Böhmens Hain so roh, so unverzärtelt, so modern. Udo Badelt

JAZZ

Zukunft der Musik: Peter Evans Quintet im Institut Français

Hätte diese Band eine Fernsehserie, müsste sie Big Sound Theory heißen. Bei ihrem Berlin-Debüt im Institut Français führt das Quintett des Trompeters Peter Evans vor, was New York heute ausmacht: die gekonnte Kombination der unterschiedlichsten Einflüsse. Der 30-jährige Evans ist ein erfahrener Barockmusiker, der die Energie von Sonny Rollins und Don Pullen ebenso liebt wie die langen Töne des Berliner Improvisators Axel Dörner.

Wer die Musik von Evans spielen will, muss blitzschnell kombinieren können. Diese Musik hat das Stadium der Collage hinter sich gelassen, die Stränge frei improvisierter Musik, die Experimente mit Alltagsgeräuschen und Stille, ja, selbst die antiquierte Lust an Akkordfortschreitungen, alles fügt sich hier zu einem stimmigen Gesamtkunstwerk, das zugleich Fehler zulässt und Spass macht.

Die neuen Evans-Kompositionen stehen am Anfang des Programms, ein von dem Sopransaxofonisten Evan Parker inspiriertes Stück mit dem Titel „Twelve“, das zwischen tiefen zirkulargeatmeten Klängen und den schnellsten und höchsten Tönen eines Dizzy Gillespie changiert, gefolgt von einem langen Solo für den Laptopkünstler Sam Plura, das den revolutionären Sounddesignern von „Terminator 2“ und „Star Wars“, Gary Rydstrom und Ben Burtt, gewidmet ist.

Eine Komposition der grandiosen Vorjahres-CD „Ghosts“ steht im Mittelpunkt des zweiten Sets, „Articulation“. Eine derartige Glanzleistung im freien spontanen Umgang mit dem notierten Material scheint nur möglich auf der Basis von gegenseitigem Vertrauen. Der Standard „Stardust“ steht am Ende eines großen Konzerts, in dem es um die Zukunft der Musik ging. Christian Broecking

KLASSIK

Zermalmt und zernichtet:

Igor Levit im Radialsystem

Vom Radialsystem aus startet erstmals in der Geschichte der Menschheit ein bemannter Flug zum Mars. Also fast. Der junge Pianist Igor Levit spielt die 36 Variationen des amerikanischen Komponisten Frederic Rzewski über das Protestlied „El pueblo unido jamás será vencido“, das unter dem Eindruck der Monate vor dem chilenischen Militärputsch 1973 entstand.

Der Abend zeigt beides, die Exzentrizität eines Komponisten, der die Stilklaviatur des 20. Jahrhunderts im Nebenbei mitbedient, Atonalität, intime Akkorddrehungen und zermalmende, zernichtende Klanglawinen, das Zerstäuben des Guten, Wahren, Ganzen in Spurenelemente. Zugleich zeigen sich Levits überragende Fähigkeiten am Klavier – schon darin, dass er ein solches Super-Werk überhaupt wählt. Das Thema mit seinem chansonesken Quintfall lässt er geradezu romantisch tönen, um sich dann dem Wuchern der Variationen hinzugeben, brillant im Zugriff, notfalls eisenhart.

Mittendrin denkt man, jetzt ist es aus, jetzt ist etwas durchgebrannt im Hirnkasten, da stellt sich heraus, dass die Sekundenbruchteile, die Levits Hände zögernd verharren über den nächsten Akkordschlägen, bloß der Improvisationspassage zugehören, die Rzewski seinem Stück auch noch eingeschrieben hat. Wenn das kleine Lied schließlich wiederkehrt, kurz vor den grandiosen Akkordketten und Kadenzfetzen, mit denen es verabschiedet wird, wirkt es geringer als zuvor, als seien Finger und Arme unter der Anstrengung weich geworden.

Vielleicht ist es auch nur die Musik, die nicht mehr kann. Allergrößter Jubel. Christiane Tewinkel

TANZ

Hölzchen und Stöckchen:

„United States“ im HAU

Hermann Heisig ist einer der schrägsten Performer der hiesigen Tanzszene. Der Leipziger, der zunächst in Galerien und Clubs seiner Heimatstadt auftrat, schraubt sich in merkwürdig verästelte Haltungen. Er kann blitzschnell seine Gestalt und seinen Ausdruck verändern. In „United States“ begibt er sich mit Elpida Orfanidou auf einen bizarren Trip.

Orfanidou ist zunächst ganz kindliche Verwunderung, bis sich ein ungläubiges Staunen auf ihrem Gesicht abmalt. Heisig verbirgt sich erst unter einem Berg aus Pelz, plötzlich sprießt sein Kopf mit Mütze hervor wie ein junger Trieb und ragt keck in die Welt. Zu dem Sounddesign von Gerald Kurdian, das den surrealen Charakter der Szene betont, hüpft Heisig vergnügt über die Bühne, stürzt sich auf sinnlose Verrichtungen, kommt vom Hölzchen aufs Stöckchen. Die Metamorphosen, die er durchläuft, sind lustig anzusehen. Doch die spielerische Ausgelassenheit weicht einem verbissenen Ernst. Die Tänzer verkeilen sich ineinander in einem heftigen Zweikampf.

Das Ende bildet eine längere Zitterpartie. Zunächst sieht man nur ein Zucken, das in ein Schlottern übergeht. Heisig mutet wie ein zappelnder Fisch an, schaut dabei aber ganz selig. „Bastard-Zustände“ nennen die Performer die hybriden Körperbilder, die sie in „United States“ untersuchen. Sie sind widersprüchlich codiert und deshalb für den Betrachter nicht eindeutig lesbar. Zwischen Verzückung und Befremden bewegt sich der Abend. Einigen Szenen fehlt es noch an Prägnanz, doch vor allem Heisig gelingen immer wieder Bilder von absurder Komik. Sandra Luzina

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