KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

von

KLASSIK

Freunde der Philharmoniker:

das Waseda Symphony Orchestra

Das Orchester ist 99 Jahre alt, seine Besetzung hingegen ausnahmslos jung. Für die Mitglieder im schwarzen Haar, die auf Einladung der Berliner Philharmoniker gastieren, leuchtet aus der Ferne der Geschichte, dass ihr Waseda Symphony Orchestra 1978 in Berlin mit der goldenen Karajan-Medaille ausgezeichnet wurde.

Auf Scharouns Philharmonie-Podium herrscht drangvolle Enge, denn das Studentenorchester ist ungewöhnlich zahlreich. Die Waseda-Universität in Tokio, eine der ältesten Japans, an der die Musiker studieren, lehrt Naturwissenschaften, Literatur, Jura in 13 Fakultäten. Nur gibt es dort keine Musikfakultät. Der Klangkörper repräsentiert eine japanische Liebe zur Musik. Das Konzert wird von Masahiko Tanaka geleitet, „Ehrenpräsident auf Ewigkeit“, einem langjährigen Freund der Berliner Philharmoniker und Kontrabassschüler des unvergessenen Rainer Zepperitz. Den Dirigenten zeichnet sachliche Autorität aus, und er annonciert an diesem 11. März 2012 ein japanisches Lied, das im Gedenken an die Opfer der Naturkatastrophe 2011 erklingt.

Ihr Programm führt die Spieler aus dem Land des Berges Fuji zunächst auf einen Gipfel der Alpen, lässt mit „Till Eulenspiegel“ eine weitere Tondichtung von Strauss folgen, nicht weniger anspruchsvoll in der Brillanz des Orchestersatzes. Dann aber kommen die mit Spannung erwarteten japanischen Trommeln, hier in einem Werk von Kazuki Yutani, der sich vor Schönberg und Ishii verbeugt, um das Ohr faszinierend mit geschlagener Virtuosität zu bombardieren. Total aus dem Häuschen gerät das Publikum, als die Japaner Linckes „Berliner Luft“ vibrieren lassen, Reverenz an die Waldbühnenkonzerte der Philharmoniker und ihre Stadt Berlin. Sybill Mahlke

JAZZ

Original und Imitation:

Jason Moran im A-Trane

Als die MacArthur Foundation den Pianisten 2010 mit dem mit 500 000 Dollar dotierten Genie-Preis auszeichnete, hieß es zur Begründung, dass es Jason Moran gelungen sei, aus dem Repertoire des Jazz eine neue Kompositions- und Improvisationssprache zu erschaffen und dass er eine große Rolle in der Weiterentwicklung dieser Kunstform spielen werde. 2011 wurde er zum künstlerischen Jazz-Leiter des Kennedy Center, der national bedeutendsten amerikanischen Kulturinstitution, ernannt. Wenn er von seiner Europatournee zurück ist, kuratiert der 37-Jährige im New Yorker Whitney Museum ein fünftägiges Festival – mit eigenen Werken. Zu Kopf gestiegen ist ihm der Erfolg nicht. Als Moran die Bühne des A-Trane betritt, erwähnt er dankbar, dass der Club seine Musik von Anfang an unterstützt habe. Sein Trio Bandwagon mit dem Bassisten Tarus Mateen und Schlagzeuger Nasheet Waits gibt es seit zwölf Jahren. Zuletzt hat sich Moran mit Thelonious Monk und Fats Waller beschäftigt, „Monk’s Mood“ und „Ain’t Misbehavin’“ funktionieren an diesem Abend als Referenz und Kippfigur zugleich.

Das permanente Changieren zwischen tradiertem Material und urbaner Groovemusik signalisiert Aktualität. Geschickt spielt Moran mit den Originaleinspielungen vom Sampler, die er manchmal vor oder zwischen die Stücke baut. Als „No One Could Love You More“ von Gladys Knight läuft, kann man der Band beim Musikhören zuschauen. Langsam steigt das Trio ein, tastet sich an das Original heran, imitiert, übernimmt, vermischt und transformiert es. Morans multimedial orientierte Kunstmusik ist auf kein Klischee mehr abonniert. Christian Broecking

0 Kommentare

Neuester Kommentar