KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

von

POP

Zerbrochenes Porzellan:

Randy Newman im Admiralspalast

Warum geht kaum ein alter Rock-Held in den wohlverdienten Ruhestand? Gut, es mag Exfrauen oder uneheliche Kinder geben, die durchzufüttern sind, aber materielle Nöte sind wohl selten der Grund, dass so viele Golden Ager der Popmusik nicht aufhören können. Randy Newman, mit 68 Jahren auch schon im Rentenalter, hat ein selbstironisches Lied über diese Renitenz seines Berufsstands geschrieben: „I’m Dead (But I Don’t Know It)“. Es ist, typisch Newman, der heiterste Moment seines zweistündigen Soloabends im Admiralspalast, und das nicht nur wegen der Beteiligung des Auditoriums, das auf den Refrain mit einem schmissigen „He’s dead“- Choral antwortet.

Newman breitet in drei Dutzend Songs ein kluges Panorama seines Lebenswerks aus, dargeboten mit einer schütteren Altmännerstimme, die nach zerbrochenem Porzellan klingt, aber eine ganz eigene Faszination ausübt. Durch seine patinierten, von feingliedrigem Pianospiel untermalten Interpretationen holt er sich die Songs wieder, mit denen er Kollegen zu Erfolgen verholfen hat. Nach Newmans zartbitterem „You Can Leave Your Hat On“ möchte man nie wieder das brunftige Röhren von Joe Cocker hören. Zu den Publikumsfavoriten gehören die sarkastischen Rollensongs wie „Short People“, „Sail Away“ oder „You’ve Got A Friend In Me“ aus dem „Toy Story“-Soundtrack. Die eigentliche Überraschung ist, wie viele traurige Balladen der vermeintliche Zyniker im Repertoire hat. Mit einem dieser Tränenzieher beschließt er den denkwürdigen Abend: „I Think It’s Going To Rain Today“. Randy Newman war Anfang 20, als er dieses Lied schrieb, von dem es Dutzende Coverversionen gibt. Jung klang er niemals. Warum sollte er da im fortgerückten Alter ans Aufhören denken? Jörg Wunder

TANZ

Brutale Physik: „Desistieren“

in den Sophiensälen

Das Regieduo Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen produziert in hoher Frequenz und mit kurzer Probenzeit, bei gleichbleibendem Prinzip: ivorische Performer treffen auf europäische, afrikanisches Kunstverständnis kollidiert mit hiesigem. Es ist wie bei René Pollesch und anderen Serientätern des Theaters: Man kann sich aus dem Diskurs immer mal aus- und wieder einklinken und behält trotzdem den Überblick, was gerade state of the art ist. „Desistieren“ heißt die aktuelle Reihe des Duos, die nun in mehreren Folgen an den Sophiensälen zu sehen ist (Teil I-III wieder 15.3., 20 u. 22 Uhr). Desistieren, das bedeutet verzichten, verwerfen. Den Machern geht es um Wendepunkte im Leben der beteiligten Künstler. Im ersten Teil begegnen sich Franck Edmond Yao alias Gadoukou la Star und der Künstler Marc Aschenbrenner, der ein paar Installationen aus Regenschirmen mitgebracht hat. Die beiden reflektieren die Rivalität, die das künstlerische Miteinander immer auch bestimmt, sowie eine Form des Körperausdrucks, die Yao „Physik brutal“ getauft hat, inklusive „Einschüchterungstanz“. Im zweiten Teil treffen Melissa Logan und Jean-Claude Dagbo alias DJ Meko aufeinander – und heben ab von Logans Erzählung über ein provokantes T-Shirt, das sie zu Schulzeiten trug. Die Arbeiten von Gintersdorfer und Klaßen besitzen mal mehr, mal weniger Dringlichkeit. In diesem Fall weniger. Patrick Wildermann

FOTOGRAFIE

Leere Weite: Margret Nissen

in der Gedenkstätte Berliner Mauer

Es ist die Endstation der alten Bundesrepublik. An der einen Ecke steht eine verwahrloste Currywurstbude, woanders streunen Gestalten auf der Unkrautwiese umher. Margret Nissen hat in den achtziger Jahren Brachflächen entlang der westlichen Seite der Berliner Mauer fotografiert – Orte zwischen Niemandsland und Großstadt. Im Besucherzentrum der Gedenkstätte Berliner Mauer (bis 8.4., Bernauer Str. 119, Di-So 9.30-18 Uhr) ist nun eine Auswahl ihrer Bilder zu sehen. Nissen kam spät zur Fotografie: 1938 geboren, studiert sie in Heidelberg Archäologie, zieht nach Aufenthalten in Bagdad und den USA nach Berlin und findet erst 1977 zur professionellen Fotografie. Leer stehende Orte interessieren sie – und die Suche nach Zeitspuren in diesen. So arbeitet sie in den Achtzigern für die Dauerausstellung der „Topografie des Terrors“ als Dokumentaristin. Es ist für Nissen eine doppelte Reise in die Vergangenheit – als Tochter Albert Speers ist sie auf besondere Weise mit den Gräueln der Nazi-Zeit verbunden. Sprechen möchte sie darüber lieber nicht, wie sie in ihrem 2005 erschienenen Buch „Sind Sie die Tochter Speer?“ erklärt. Die Bildsprache ihrer Fotografien ist eher schlicht bis gewöhnlich. Doch sind die Bilder interessante Dokumente von Orten, die gerade durch ihre Leere Geschichten erzählten. Katrin Gottschalk

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