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Schöner Mann in Frühling. Der Pianist Martin Stadtfeld Foto: Sony
Schöner Mann in Frühling. Der Pianist Martin Stadtfeld Foto: Sony

ROCK

Katakombentief:

Mark Lanegan wütet im C-Club

Man sieht, dass das Leben nicht immer freundlich zu Mark Lanegan war: Wie ein angeschlagener Boxer steht der 47-Jährige im ausverkauften C-Club zwischen den Songs da, schüttelt sich behutsam die Müdigkeit aus den morschen Knochen, ehe er die tätowierten Fäuste um den Mikrofonständer ballt und sich in die nächste Runde stürzt. Langjähriger Drogen- und Alkoholkonsum haben Verheerungen an Körper und Seele angerichtet, ihm aber auch eine Stimme verliehen, um die ihn jeder Wanderprediger beneiden dürfte: ein schmirgelnder, die Bauchdecke zum Vibrieren bringender Bariton, in der Tonlage ähnlich katakombentief gestimmt wie bei Leonard Cohen. Doch wo der buddhistische Sanftmut verströmt, fährt Lanegan mit alttestamentarischem Zorn auf das begeisterte Publikum hernieder, wenn er durch die apokalyptische Blues-Meditation „The Gravedigger’s Song“ oder den infernalischen Gitarren- Kracher „Quiver Syndrome“ wütet.

Passend zur Tatsache, dass Lanegans neues Album „Blues Funeral“ auf Platz 4 der dortigen Verkaufscharts stieg, besteht seine Tourband aus vier Belgiern, deren Namen er bei der Vorstellung in den Ziegenbart nuschelt. Unbedingt hervorheben muss man den Gitarristen Steven Janssens, der aussieht wie der mittelalte, gefährliche Dennis Hopper. Im zeitgenössischen Rock spielt das Gitarrensolo nur eine Nebenrolle, aber wenn man Janssens unfassbar schöne Tonfolgen im famosen „Ode To Sad Disco“ oder der Zugabe „Harbourview Blues“ hört und dazu sieht, wie er sich klapperschlangengleich um den Gitarrenhals windet, kann man das nur als Verlust empfinden.Jörg Wunder

KLASSIK

Schwarzerdig: Der Philharmonische Chor singt von den letzten Dingen

Ein Werk wie Louis Spohrs Oratorium „Die letzten Dinge“ ist eine Einladung, über die Vergänglichkeit zu reflektieren – nicht nur die des Lebens, sondern auch allen Ruhms. Aber wer kennt heute noch Louis Spohr, der zwischen 1784 und 1859 lebte? Ein großartiger Geiger soll er gewesen sein, zudem ein Vorläufer des modernen Dirigenten. Doch das ist vergessen. Und auch mit seinen Kompositionen gilt er vor allem als Mittler, als fehlendes Glied zwischen Mozart, Beethoven und den Romantikern. Gespielt wird heute noch die Kammermusik von Spohr, einige seiner 18 Violinkonzerte und „Die letzten Dinge“, komponiert auf Zitate aus der Offenbarung des Johannes. Jörg-Peter Weigle setzt sich seit Jahren für vergessene oder selten gespielte Werke der Chorliteratur ein, jetzt hat er Spohrs Oratorium mit seinem Philharmonischen Chor und der Staatskapelle Halle in der Philharmonie aufgeführt.

Obwohl hier Tod, Jüngstes Gericht, Hölle und Himmel verhandelt werden, hat Spohr keinen apokalyptischen Höllensturz vertont, sondern das Geschehen in klassizistische Klänge gekleidet. Und so dirigiert es Weigle auch: mit heilignüchternem Ernst, ohne das Stück dramatischer zu machen, als es ist. Das Solistenquartett (Anna Korondi, Karolina Gumos, Jörg Dürmüller, Thomas Tatzl) harmonisiert geschmeidig miteinander, Tatzls schwarzerdiger Bass sticht heraus. Zu magischen Momenten kommt es immer dann, wenn die vier Stimmen mit dem Chor zusammenfließen, etwa in „Selig sind die Toten“, was schon an Brahms’ „Deutsches Requiem“ denken lässt. „Wunderbarlich“ sind nicht nur die Werke des Herrn, sondern auch die Schichtung der Chorstimmen in der großen Abschlussfuge.

Ein Moment nur, aber er bleibt doch von Louis Spohr. Udo Badelt

KLASSIK

Hineingestürzt: Martin Stadtfeld pianiert in der Philharmonie

Er spielt so gerne Bach. Kein Wunder nach dem umjubelten Start mit den Goldberg-Variationen, dass Martin Stadtfeld mit „Bach pur“ fortfährt. Vom „Spiegel“ zum „Weltstar aus dem Westerwald“ ausgerufen, fällt der junge Pianist Vergleichen mit Glenn Gould und Lang Lang anheim. Der bessere Lang Lang?

Acht Jahre nach dem Sensationserfolg des Nachwuchskünstlers ist die Frage zu verneinen: Den chinesischen Generationsgenossen erreicht er nicht. Von Gould zu schweigen. Da Stadtfeld „Wohltemperiertes“ auf und ab gespielt hat, tourt er nun mit Klavierkonzerten von Bach. Das ist ein schwieriges Feld, weil die Konzerte sämtlich Bearbeitungen sind. Nach Praxis der Epoche hat der Autor Melodieinstrumente durch ein Cembalo ersetzt und es dabei an Mühe nicht fehlen lassen. Trotzdem fällt es schwer, das g-Moll-Konzert BWV 1058 und das D-Dur-Konzert BWV 1054 als gleichwertig mit den berühmten Violinkonzerten a-Moll und E-Dur zu empfinden. Das Violintypische, violinistisch Gedachte dominiert trotz der Cembalopassagen. Und in denen hat Stadtfeld kaum Eigenes zu sagen. Er stürzt sich in das Figurenwerk, ohne die Musik über geläufiges Spiel hinaus zu differenzieren, Details zu betonen, bewusst zu phrasieren. Auch wenn er in BWV 1055 mehr Solo hat: Stadtfelds Liebe zu Bach bringt eher Gleichmachendes als Interpretation hervor. In der knapp zur Hälfte besetzten Philharmonie begleitet ihn das Philharmonische Kammerorchester, das aus Münchner Philharmonikern besteht. Professionell natürlich, verbunden mit dem Temperament des Konzertmeisters Lorenz Nasturica-Herschcovici. Wenn er als Leiter einer Sinfonie des jungen Mendelssohn wie ein Stehgeiger ohne Solo aus dem Streichorchester herausragt, wird der Gruppenklang der Violinen gespalten und ein gewisser André-Rieu-Effekt erzielt. Sybill Mahlke

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