KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

Christian Broecking

JAZZ

Versuchslabor:

Ambrose Akinmusire im A-Trane

Als der New Yorker Trompeter Ambrose Akinmusire vor gut einem Jahr sein Debütalbum „When the Heart Emerges Glistening“ im A-Trane vorstellte, dachte er seine Musik noch konzeptuell. Jetzt, geschätzte 80 Konzerte später, ähnelt sein Auftritt eher einer musikalischen Labor-Situation. Sein Quintett klingt entwickelt, gefestigt, ausgelotet: Vertrauen hat sich eingestellt, Fehler werden zugelassen. Die neuen Kompositionen wirken wie ein knappes Gut. Fragmentarisch eingestreut bieten sie den Raum für eine improvisatorische Freiheit, die nicht an den Vorgaben alter Meister klebt. Akinmusires neue Stücke haben auch noch keine richtigen Titel. „Richard“ nennt er behelfsweise eines dieser sich nun im Bühnenkontext entwickelnden Werke, mit dem er als Virtuose und Komponist ein Anliegen der afroamerikanischen Dichterin und Songtexterin Maya Angelou verfolgt: „This is my one chance to be me“. Ein neues Lied, „Misunderstood“, im Konzert von Schlagzeuger Justin Brown angestimmt, hat Akinmusire für die Sängerin Bekka Stevens geschrieben. Seine Komposition „Regret (No more)“, ein Duo mit dem jungen Pianisten Sam Harris, ist ein Glanzstück des Abends. In aller Kürze wird das, was auf der Trompete sinnvoll erscheint, verifiziert. Virtuos, bescheiden, stark. Christian Broecking

OPER

Partyhölle: „Die Fledermaus“

in den Sophiensälen

Es ist ja kein Zufall, dass Operetten wie „Die Fledermaus“ zu Silvester oder im Fasching Konjunktur haben. Champagner und Vergnügen um jeden Preis sind Teil des Genres, was wiederum ein gefundenes Fressen für die freie Szene ist. Nachdem Novoflot und die Neuköllner Oper Offenbachs „Pariser Leben“ zerlegt haben, präsentiert nun das Zürcher Theater Konstellationen in den Sophiensälen seine „Fledermaus“-Version (Regie: Jonas Knecht): als Studie über den Spaß-Burn-out. Die Bühne: ein dunkler Albtraum. Diskokugeln, flackernde Monitore, Tom-und-Jerry-Cartoons. Spaß ist Gewalt. Zwei DJs zerlegen Strauss in digitale Fetzen, endlose wiederholte Quinten und Walzerauftakte, die in ihrer Fragmentierung plötzlich aggressiv erscheinen.

Vier Darsteller (Eleni Haupt, Anja Tobler, Lou Bihler, Markus Mathis) übernehmen alle Rollen. Es sind Zombies, mürbe und ausgelaugt vom ständigen Feiern. Doch das Vergnügen muss weitergehen. Wer gähnt, kommt ins Gefängnis. Wie Junkies fiebern sie der ultimativen Party beim Prinzen Orlofsky entgegen: ein untoter Greis im Rollstuhl, der drei Zigaretten gleichzeitig raucht und sein Couplet „Ich lade gern mir Gäste ein“ nur noch vom Band spielt. Katerstimmung allerorten. Was dann auch, bei aller Feinzeichnung, die Schwäche des 60-Minüters ist: Die Fallhöhe ist gering. Dies sind keine Getriebenen mehr, die Angst haben müssen vor dem Ende der Party. Die Party ist hier immer schon vorbei (wieder am 23./ 24.3.). Udo Badelt

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