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SOUL

In himmlische Höhen:

Mayer Hawthorne im Gretchen

Das Plastikmännlein mit der Hornbrille schaut stoisch in die Menge. Doch da: Sein überdimensionierter Kopf beginnt zu wackeln! Schuld ist der etwa 15 Mal größere Doppelgänger des Püppchens, der über die Bühne des ausverkauften Kreuzberger Gretchen hopst. Im roten Anzug, kariertem Hemd und schwarzer Fliege wirft sich Mayer Hawthorne hinter das Mikro und in seinen lässigen Retro-Soul. Er feiert den Motown-Sound seiner Heimatstadt Detroit – auch wenn er längst in L. A. wohnt. An die Hip-Hop-Karriere, die er eigentlich starten wollte, erinnern nur noch die offenen Basketball-Sneaker. Zusammen mit seiner ebenfalls schick gekleideten und sehr tight aufspielenden vierköpfigen Band sorgt der 33-Jährige von Beginn an für Euphorie. Wie mühelos er sich in höchste Falsett-Höhen hochschwingt, ist ebenso mitreißend wie seine leicht schnulzigen Crooning-Einlagen. Oft fließen die Songs direkt ineinander, was die rund 100-minütige Show noch kurzweiliger macht. Ein Höhepunkt ist das an Prince erinnernde „Love In Motion“, das die Band elegant in „No Strings“ vom aktuellen Album „How Do You Do“ überführt. Den Single-Knaller „Long Time“ beginnt der Bassist mit gefühlvoll geslappten Takten, in die der Keyboarder futuristische Bleep- Sounds wirft. Werden Bläser gebraucht, wie bei der wunderbaren Curtis-Mayfield-Hommage „The Ills“, kommen sie vom Band. Der Party tut das keinen Abbruch. Wenn die Vergangenheit so lebendig klingt, kann die Retro-Welle gern noch ein bisschen rollen. Nadine Lange

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